Ensenada

Nach Bordcomputer war gestern Nacht unsere ETA – estimated time of arrival – für Ensenada gegen 4 Uhr früh. Wir liefen unter Motor und schalteten auf ca. 1700 Umdrehungen zurück, um die Ansteuerung im ersten Tageslicht zu bewerkstelligen. So konnten wir denn auch gut die alten Schiffwracks im Hafenbecken ausmachen, auf denen sich grosse Seehundkolonien breitgemacht haben. Und die riesige mexikanische Flagge bestaunen, die von der Mole für die Kreuzfahrtschiffe wehte und so ungefähr die Größe eines Volleyballfeldes hatte.

Um 7.30 Uhr Leinen fest und Beginn der Arbeit bis zum Mittag: Wasserfassen, Motorinspektion, Wantenspannung nachstellen, um die leichte Biegung in der obersten Sektion herauszubekommen, die uns, nach Mehrheitsmeinung, auf Stb-Bug viel Fahrt gekostet hat. Der poröse Mastkragen wird erneuert. Hoffentlich ist er dann wirklich dicht – mein Schlafsack ist, zum ersten Mal auf dieser Reise, sonnentrocken.  Reffsterte und Fallen werden auf Schamfilings überprüft, ggf. gekürzt und neu betakelt.

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Langsam voran

Vorgestern bekamen wir morgens wieder Wind und kreuzten, was das Zeug hält, gegen Wind und Strom und kamen nicht so richtig voran. Selbst als er auffrischt nähert sich der Mexico-Express, wie die jungen Crewmitglieder W4 auf der offiziellen website beschreiben, nur langsam dem Hafen von Ensenada: nach acht Stunden Nachtwachen haben wir gerade mal 25 sm in die richtige Richtung geschafft. Wir sind ziemlich frustriert: die ganze Plackerei hoch am Wind und dann das!

Aber Rasmus hat ein Einsehen und belohnt uns: der Wind steht den ganzen Tag durch und er raumt so weit, dass wir sogar zeitweise Ensenada anliegen können.

Gestern früh stand über der aufdämmernden Morgenröte noch die goldene Mondschale, schräg darüber ein heller Stern. Es sah aus, als wollte die Schale ihn auffangen, sollte er abstürzen. Am Horizont noch ein weiterer heller Stern, den ich einfach mal „Venus“ nannte, weil er ja den Morgen ankündigte. Es waren die einzigen Sterne, die von der ansteigenden Morgendämmerung nicht überstrahlt wurden. Angesichts dieses wunderbaren Himmels schäme ich meiner Unkenntnis des Firmaments. Im Süden beispielsweise stand die letzten Tage lange ein Sternbild, das einem Krebs mit Skorpionsschwanz glich, ein riesiges Sternzeichen, das ich, da ich es nicht identifizieren konnte, einfach nach meinem Volleyballfreund „Uli“ nannte.

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Cabo San Lucas

Als wir Puerta Vallarta gestern Nacht rechts liegen ließen, frischte der Wind auf. Wir mussten sogar, hoch am Wind, das zweite Reff einstecken und segelten, segelten wirklich mit ordentlich speed und fast in die richtige Richtung und das über 24 Stunden lang ohne den Motor anwerfen zu müssen. Endlich happy sailing…

Aber wie es eben so ist…

Mexico ist das Paradies der „topes“. In la Ciudad de Mexico ist an jeder Straßenkreuzung – und manchmal auch dazwischen – ein „tope“. Selbst auf der Autopista nach Tula, wo ich die Ruinen besuchte, waren unzählige „topes“, vor denen Schilder mit der Aufschift „Tope“ warnten. Warum man auf Autobahnen Bodenwellen einbaut, ist ein mexikanisches Rätsel. Selbst in Barra Navidad, wo wir das Taxi zum Transport an den Hafen brauchten, waren in allen Straßen „topes“. Völlig unnötig: die Straßen waren mit groben Kieselsteinen gepflastert, sozusagen ein Fischkopfpflaster, und das war so mit Schlaglöchern übersät, dass das Taxi sowieso kaum 30 km/h fahren konnte.

Ich fragte den taxista, ob vielleicht das Transportministerium einen Jahresplan für die „topes“ und einen Onkel mit einer Schildermalerei hätte? Er lachte nur.

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Turtle Bay – gestrichen

Am Ruder sinniere ich weiter über Cabo San Lucas: am Ende der Halbinsel, weit entfernt den USA, waren wir noch nie so nahe an Nordamerika. Im riesigen Supermarkt „Plaza“ nahe dem Hafen – andere soll es weiter ausserhalb auch noch geben – werden fast ausschließlich amerikanische Produkte angeboten. Es gibt nicht einmal mexikanisches Bier dort, nur Heineken, Miller und Bud, Plörren, die keinem Vergleich mit dem Pazifico, dem Montejo, Modelo und selbst mit Corona standhalten. Es gibt mindestens 40 verschiedene überzuckerte Müsli-Sorten, aber weder Haferflocken, noch Paniermehl. Ich suche vergeblich nach Currypulver und süßem Paprika. Immerhin ist das Obst- und Gemüseangebot einheimisch, gut und frisch, große, reife Papaya und reife Avocados eingeschlossen.

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Mannbarkeitsfeier

In der „tageszeitung“ schildert eine Journalistin das Fortleben der „Jugendweihe“ im Osten der Republik und die Probleme, die sie als Mutter einer pubertierenden Tochter damit hat. Denn sie erinnert sich an das Ritual, das sie selbst in der Zeit des „real existierenden Sozialismus“ im Saal des Kino International in der Karl Marx Allee durchlitt. Der stellvertretende Postminister der Deutschen Demokratischen Repu­blik – ein öder Bürokrat als Festredner – hatte sie und die anderen Jugendlichen dort aus der Kindheit entlassen und mit Urkunde und Handschlag auf den vollen Einsatz für den Sozialismus verpflichtet.

Heute ist die Jugendweihe im Osten eine Veranstaltung, die privat organisiert wird und nicht auf ein be­stimmtes Gesellschaftsmodell verpflichtet. Was geblieben sind, sind Äußerlichkeiten: die Jugendlichen verkleidet als kleine Erwachsene, eine Festrede, Geschenke und eine gewisse Peinlichkeit, die gleich­wohl, auf Seite der Erwachsenen, mit Rührung durchmischt ist. Die Journalistin stellt sich abschließend die Frage, für wen eigentlich diese Entlassung ins Erwachsenenleben zelebriert werde und welche Bedeutung sie denn für die Beteiligten habe. Eine glaubwürdige Antwort findet sie nur für sich selbst: das Ritual hilft ihr bei ihrem Entschluss, ihr Kind nun los zu lassen.

Die DDR hatte die Jugendweihe staatlich vereinnahmt. Heute, vor 155 Jahren, war sie von den Frei­denkern als weltliches Pendant zu Konfirmation und Firmung für agnostische Familien erfunden und, folgerichtig, vom „gottgläubigen“ Führer sofort verboten worden. Umso seltsamer erscheint mir heute deshalb die Feier zu meinem vierzehnten Geburtstag, mit dem ich „mannbar“ geworden war und an dem ich im Kreis „der Sippe“ in einem fast identischen Ritual, gekleidet als junger Erwachsener, aus der Kindheit entlassen wurde: feierliche Musik, Festrede, Geschenke inklusive. Nur die Inhalte waren verschieden.

Meine Taufbibel war die Prachtausgabe von Hitlers „Mein Kampf“, die zum 50. Geburtstag des Führers in einer Sonderausgabe mit goldener Sonnenrune und Schwert auf dem Einband herausgegeben worden war. Mein Patenonkel Duschi, er arbeitete damals im Innenministerium des Reichs in Berlin, hatte damals auf das Vorblatt die Widmung geschrieben:

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Fremd, Heimat

Da stand Herr Schmidt auf: Man nimmt uns die Heimat! Überfremdung, sagte er. Zuviele Fremde, die uns die Heimat rauben. Dagegen ist Widerstand geboten, so stehe es im Grundgesetz. Die Argumente kamen mir bekannt vor. Es sind die meines Vaters. Ihre Basis ist ein diffuser völkischer Rassismus, der sich rationaler Zugänglichkeit entzieht. Diskussionen darüber gleichen einem Reigen, dessen Figuren ewig wiederkehren. Fakten und Zahlen dringen durch den Brummbaß der Gefühle nicht hindurch. Es lohnt nicht.

Herr Schmidt und seine Argumente schienen Einigen bekannt. Er schnitt die Diskussion im Stadtforum über „Stadt und Migration“ mit, machte sich Notizen, offenbar ein Experte in „Heimat“, dessen Analyse bestimmt in einem kleinen rechtsgerichteten Blatt erscheinen wird. Er sagte nicht, was ihm Heimat sei, was Fremde. Herr Schmidt ist Heimatvertriebener und definiert Heimat vom Verlust her. Heimat ist für ihn der Verlust von etwas Vertrautem, an dessen Stelle nichts Anderes angeeignet worden ist.

In meiner Kindheit gab es viele Fremde in unserem Ort, Flüchtlinge wie Herr Schmidt. Das waren wir auch, aber doch auch wieder nicht. Wir waren faktisch eher aus der Fremde Zurückgekommene. Aber da ich noch einen fremden Dialekt sprach, drückten sie mich vor der Molkereizentrale aus der Schlange. Wie andere Flüchtlingskinder auch.

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