Berlin, den 30. Juno 1963 (Chruschtschew in Ost-Berlin)

Berlin, den 30. Juno 1963

Liebes Mädchen!

Da sitze ich nun vor dem Radio auf einem Sessel und habe Flo's Schreibmaschine auf den Knien. Und weil ich Dir heute schon gesagt habe, daß ich Dich lieb habe, muß ich mir etwas anderes ausdenken. Ich werde also zuerst einmal von mir erzählen und dann noch was suchen, was ich Dir (außer von Ostberlin) noch erzählen könnte.

Die Genossen sind wieder einmal ausgeflogen ins Kino, sie sind sowieso kaum zuhause und kümmern sich auch nicht weiter um die Wohnung. Sie wohnen hier nicht eigentlich, sie schlafen hier nur und schließen sich zusammen etwas zu sehr ab. Das hat zur Folge, daß ich mich trotz Mitbewohner oft doch etwas einsam fühle und am Abend oder in der Nach hinauslaufe in Richtung Zonengrenze.

Hinter der Bahnlinie, die ganz dicht am Haus vorbeiführt, beginnt ja schon das Land und es gibt tatsächlich Perspektiven ohne Fabriken und Wohnblöcke wo der Eindruck von 'Natur' nahezu vollkommen ist: Roggenfelder, Obstgärten und Eichen, verlotterte Zäune, verfilzte Hecken und Gartenhäuser, die ganz mit dem Jasmin verwachsen sind. Und Wege, mit ausgefahrenen Geleisen, Sand in denen die Profile der Reifen eingedrückt sind und schwarze Wasserpfützen, die sich darin ansammeln. In der Mitte steht das Gras ziemlich grün und fett, fast ungeknickt.

Es ist sehr schön. Du kannst abends durch Wiesen und Roggen gehn, Du fühlst das weiche Gras unter den Sohlen und die Halme scheuern sich an den Kleidern. Dann ist auch der Himmel ganz oben sehr blau und nur die Ränder, die zum Horizont herunterhängen sind ausgewaschen fahlblau und mit Wolkenflecken besetzt. Es wäre eigentlich eine Stimmung um Gedichte zu machen, wenn ich nicht zu feige wäre, es nocheinmal zu versuchen. Aber es käme ja doch nur ein Heine-Aufguß zustande. Wiesen und Felder und dahinter die Befestigungen der Grenze und ab und zu das dumpfe Bumsen der Amis, die ihre Geschütze und Granatwerfer ausprobieren. So verbindet sich hier Technik und Natur und ergibt ein manchmal etwas desperates Ganzes, das einen müde macht. Wie melancholisch wirkt doch ein S-Bahn Geleise, das verrostet inmitten gelber Blumen liegt, über das schon die Hecken wachsen, wo sich die Wurzeln in die Mechanik der Weichen drängen: Hohn der menschlichen Erfindungsgabe und nicht wieder Natur, das eine zerstört das andere und wird von ihm zerstört. Du kannst die Hebel noch umlegen und die Wurzeln zerdrücken.

Gleich neben der S-Bahn liegt ein Garten und seine Hecken sind aus Himbeer. Sie schmecken wie aus Dosen, etwas wässrig, verschrumpelt; wenn Du in die Hecke brichst, trittst Du auf verrostete Töpfe und verrottete Matratzen.

Man kommt sich unwillkürlich manchmal so vor, wie ein stillgelegtes S-Bahn Geleis auf den keine Züge mehr zum Andern fahren. Vielleicht hätt ich mich doch mehr um einen Freundeskreis bemühen müssen. Die alten aber sind langweilig geworden oder sie sind zu weit entfernt, als saß man zu ihnen ginge um mit ihnen zu sprechen. Das fehlt einem dann doch, so eine kleine Ansprache, wenn man das, was man in sich aufnimmt, nicht wieder jemandem weitergeben kann: was man erlebt wird dann tot, entrückt in Bezirke der Erinnerung, wo sich an die einstmals so frische und schöne Entdeckung kein Gefühl mehr bindet, wo das Spontane verloren geht und einsinkt in ein greisenhaften Dämmern, verrostet und von Schweigen überwuchert wird! Man kann das Reden so leicht verlernen, man sollte es kaum glauben. Das ist dumm, wenn man nicht reden kann, ohne etwas von sich weg zu geben und redet und die Resonanz nicht fühlt: es ist, als laufe man gegen die Grenzbefestigungen und starre durch die Schießscharten. Es ist etwas Bösartiges und Feindseliges im Schweigen.

Und damit käme ich eigentlich schon zum Chruschtschew-Besuch in Ostberlin. Ich bin gegen 10 Uhr in der Friedrichstraße angekommen und stellte mich als braver Bürger zunächst einmal hinten an die Schlange an, ich kann Dir sagen, das war reinste Schikane, die Genossen taten aber auch gar nichts anderes als die Leuten in Reih und Glied aufstellen, zurückzudrängen und dann zu verschwinden. Als ich eine Stunde gewartet hatte wurde es mit zu dumm und ich schloß mich einigen großen Kollegen an, die mit Einladungstelegrammen zum Staatsbesuch gesegnet waren. Ich gab mit meinem Personalausweis neinen NOTIZEN-Auswein ab und siehe da: es ging ganz schnell. Man unterstrich die Nummer mit Rotstift, das hieß: bevorzugt abfertigen. Immerhin kam ich so schon um 12 Uhr über die Grenze, während andere bis über drei Stunden in der schwitzenden Masse ihren Geist Stückchen für Stückchen aushauchten.

Ein Kollege von 'Blick'(Du kennst doch die Affäre mit dem toten Pabst), der stellvertretende Chefredakteur, wartete mit mir und wir unterhielten uns recht wacker. Dann versuchte ich über den polnischen Pavillon Andrzej zu erreichen, aber man sagte mir, er habe sich nicht blicken lassen. Später erfuhr ich von den Leuten des Ostberliner Fernsehens, die schon vor dem roten Rathaus Aufstellung genommen hatten, daß Sendung von Andrzej diesmal aus Rostock gekommen sei, er war offenbar nur ganz kurz in Berlin gewesen. Und die Genossen verwiesen mich nach Schöneweide, wo der Aufnahmeleiter der "Brücke" sitze. Also fuhr ich hinaus um mich zu erkundigen, aber der Mensch war nicht dort. Dafür begannen die ersten und linientreusten Kollegen von den Betriebskampfgruppen gerade Aufstellung zu nehmen. Die meisten Berliner aber schienen desinteresiert, sie liefen bis kurs vorher noch herum, einkaufen, Besuche machen und was man eben mit einen unverhofft halben freien Tag anfängt. Die Sonne war verdammt heiß am Himmel und die VoPo's, die zwei Meter breite Lücken zum Zusehen ließen, schwitzten vor sich hin. Gegen drei Uhr kamen dann die Belegschaften der Kindergärten und Schulen mit roten Tereschkowa- Fähnchen, Luftballons und stellten sich vor die Wostok-Atrappe, die ich schon von ersten Mai her kannte. Neben mir stand ein junger Mann, der mir erzähle, daß die Brigaden gemeinsam an dem Empfang teilnähmen und daß es nicht ich nicht ungefährlich sei, der Aufforderungen der Genonsen nich zu folgen. Als seine Frau dann aber kam und ihn seine Arbeitskollegen lange genug gesehen hatten, verschwand er. Er machte einen recht netten Eindruck und schwärmte mir vom Kennedy-day vor, den er im Fernsehen folgt hatte, aber nicht bevor er mit dem berühmten deutschen Blick über die Achsel auf einen älteren Macker im FDJ-Hend gelinst und die Stimme gesenkt hatte.

Ich drängte mich dann, als der Verkehr stillgelegt worden Straßenmitte auf die Straßenbahngeleise und stand da ganz gut. Gegen drei Uhr begann es interessant zu werden, nachdem man vorher über die Lautsprecher die Ansprache Ulbrichts nur immer verstümmelt vom Straßenlärm vernommen hatte -- es lohnte sich auch nicht und ich sah keinen Menschen der etwa aufmerksam zugehört hätte, während doch beim Kennedy-day sogar in den Bussen die Transistorenradios immer auf größte Lautstärke getrimmt waren, auf daß kein Augenblick verloren ginge. Kurz nach drei kamen die ersten Wagen vorbeigebraust, so etwa mit dreißig. Da stand also Walterchen in der ganzen Pracht seiner 70 Funktionärsjährchen, im hellen Anzug mit dunkler Kravatte, sauber gestutzten Bart und einem stereotypen Lächeln, das ebeno kalt war, wie das Funkeln seiner randlosen Brille. Daneben Nikita Sergejewitsch Chrutschtschew, in dunklen Anzug, klein und korpolent und hellbraun in Gesicht, gesund und einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, sowie einer dezenten Ordensschnalle auf dem Jakett. Er wirkte sehr landesväterlich und strahlte das aus, was man an Ulbricht vermißte: souveräne Gelassenheit und Zuversicht. Er ist schon eindrucksvoll und bedeutend gewinnender als auf den Bildern, die man von ihm sieht, man könnte vielleicht sogar sagen, daß er einen gewissen Charme ausstrahlt: Volksführer und nicht kalter Funktionär.

Neben mit standen zwei Halbstarke und murmelten immer Ken-ne-dy, Ken-ne- dy. Nur die Genossen von FDGB schwenkten Hanner-und-Sichel- und Spalter-Fahnen. Aber selbst die schwenkten nur solange, bis ER vorbei war. Kurz danach, ohne daß sie die Vorbeifahrt der Minister und Diplomaten abgewartet hatten -- die übrigens meist in verhängten Limusinen vorbeihuschten -- strömte alles weg. Ich sah noch die Chruschtschowa, die sich winkend aus den Wagen beugte und sehr nett aussah, wie eine norddeutsche Pastorentochter, die in die Hochfinanz geheiratet hat: einfach, aber gepflegt und sehr natürlich.

Ich reihte mich in den Strom der Abgehenden ein und fuhr mit einem beinahe leeren S-Bahn-Zug in Richtung Alex, wo Mr. K seine Rede halten sollte. Als ich dort ankam, war gerade die erste Wagenkolonne schon vorgefahren und das Volk strömte vehement zurück zu den Kochtöpfen, es war nicht ganz einfach, sich den Weg zum Rathaus zu bahnen, man drängelte rücksichtslos zu den Zügen.

Ich schaffte es gerade noch um den Jungen Ebert, der bei denen den Oberbürgermeister markiert (ein feister dummdreister Kerl, der wahrscheinlich nicht einmal richtig lesen kann) die Begrüßungsansprache reden zu hören. Sie war fade. Dann kam Mr. K. und redete kurz, nein, erst noch jemand andres, aber nicht Walterchen. Unten vor den Rathaus brüllte die FDJ in Sprechchören Drusch-ba und Chruscht-schew und das Volk winkte und ab und zu und freute sich offenbar, daß ihm die Last des Jubelns abgenommen wurde. Chruschtschew selbst war nicht besonders gut, er machte nur ein Witzchen und feierte dann die UdssR und ihre Erfolge in Weltraum. Immer wenn er die Tereschkowa feierte, kam so etwas wie Anteilnahme in Publikum auf, sonst verhielt sich passiv und nahm gerne die Möglichkeit wahr, sich von einer umgesunkenen Schönen ablenken zu lassen.

Während Chruschtschew ans Mikrophon trat und sagte, es kämen ja jetzt sehr viele Leute nach Berlin, aber es käme darauf an, was sie im Gepäck mitbrächten, begann es furchtbar zu donnern und zu blitzen, die roten Fahnen schienen sich träge gegen die Last der Schwülle zu stemmen und sanken dann schlaff zusammen.

Auch hier rannte alles weg, kaum war Mr. K mit seinem speech zuende. Auch ich begab mich eilenden Schrittes in Richtung Friedrichstraße, wurde allerdings unterwegs noch von Unwetter eingeholt. Es begann exakt in den Augenblick loszubrechen, als K. die "Strecke des Triumphes" (ND) fortsetzte und die Leute flüchteten sich überall anderswo hin, nur nicht an den Straßenrand, sodaß dieser aussah wie ein Tannenbaun an 1. Januar, etwas schäbig und schmutzig in seiner welken Pracht.

Dann aber erhob sich ein sozialistischer Sturm, der mir den Dreck von den Straßen in die Augen, in den Mund und in das geöffnete Hemd trieb, sodaß ich mich am Abend waschen mußte und bein Essen immer noch auf Dreck kaute. Die ganzen Westdeutschen und es war eine ganze Masse, hatten sich in die Abfertigungshalle geflüchtet und standen in einer immens engen Schlange vor den Tischen. Obwohl ich zuerst noch etwas zu mir nahm und etwa eine Stunde wartete, bis ich mich anstellte, nahm diese Schlange nicht ab, ich stand zweieinhalb Stunden in qualvoller Enge, mein Kreuz schmerzte höllisch, der Schweiß rann mir in Bächen durch den Po in die Socken hinunter und meine Laune war entsprechend. Ich machte mir in unflätigem Geschimpfe Luft und brüllte immer Idioten und schikanöse Saubande und sozialistischer Wettbewerb nach vorn, aber die hatten die Ruhe weg, sie fertigte in der Minute vielleicht einen halben Menschen ab und das ist wenig. Es standen Afrikaner und Japaner da, die filmten die fluchende Schlange. Es war schon recht gut so. Ich hab eine solche Wut auf die Affen, daß ich bestimmt kein Geld mehr in ihre Intershop-Kioske mehr trage. Wenn ich dort etwas kaufe, dann nur mit Schwindelkurs auf Zigaretten-Basis.

Tja, da hat also das Papier doch nicht ganz gereicht und ich werde eben noch schreiben müssen, obwohl ich ausgebrannt bin, nach Bier dürste und noch einige Seiten Referat tippen wollte. Aber so geht eben.

Ich glaube, ich muß Dir noch zum Geburtstag gratulieren, so in aller Form. Ich bedaure nur, daß ich nicht mit Dir im Museum feiern kann, bei Reistopf nach Art des Hauses und nachher in irgend eine kleine Pinte oder nach Schwärzloch hinaus (haben die nicht am Montag zu?), oder auf die Rosenau. Schade, die alten Freunde sind ja nicht mehr zugänglich, entweder, daß sie fortgezogen sind oder daß sie sich so verändert haben, daß man die Gemeinschaft nicht mehr unbedingt sucht.

Übrigens hat mir Saupe einen recht netten und versöhnlich wirkenden. Brief geschrieben, der allerdings eine meiner Befürchtungen bestätigte.

Er meint natürlich, daß die Angelegenheit auf Gegenseitigkeit beruht und so, wie ich Dich kenne, hat er bestimmt nicht unrecht. Du bist eben manchmal sehr unbescheiden und vorlaut, ich hätte allerdings nicht gedacht, daß er, Saupe, so mimosenhaft sei, wo er doch mit Vorliebe Genickschläge austeilt. Sieh da, er ist also tiefst verletzt gewesen. Bitte paß ein bißchen auf auf Dich und versuch Dich etwas zurück zu halten, nachdem ich nicht mehr da bin und unmittelbare Folgen wie bei Jochen damals ausblügeln kann. Blöd, was, wie wir uns gegenseitig aus der Patsche helfen? Bzw. halfen? Bitte versuch, etwas Distanz zwischen Dich und die anderen zu legen, ohne daß Du den Verkehr abbrichst, das wäre nicht gut. Ich glaube, wir waren einfach zu intim miteinander, daß wir unsere Fehler alle so gut kennen, daß wir uns immer dort verletzen, wo es am schmerzlichsten ist. Und dabei, das ist der Witz der Geschichte, immer meinen, wir hülfen uns, diese Fehler zu erkennen und zu überwinden. Der Wunsch nach einem wirklichen freundschaftlichen Verhältnis ließ uns unser ganzes Ich selbstvergessen in die Pfanne schlagen, nur des Gefühles willen, damit seien wir, in der Selbstverleugnung, am offensten für den Andern. Ich glaube eher, daß es ein Wettbewerb der nicht erkannten egoistischen Überheblichkeit war; die perfekteste Intimität sollte uns in den Mittelpunkt stellen.

Aber so wollte ich ja nicht aufhören, aber ist schon spät, ich werde den Brief einmal wieder unkorrigiert zur Post bringen müssen. Behalt mich, trotz dieser blöden Schreibe, ein bißchen lieb, so wie ich Dich lieb habe und mich nach Dir sehne.

Mein Körper ist in verheerenden Zustand, aber ich freue mich, daß es der Deine auch war. Das ist gut so. [...]

Viele Bussi und auf Wiedersehen im Traum. Dolfi

Spiegel-Artikel: Chruschtschow in Berlin

Meine Zeit als Doppelagent

Es war wahrscheinlich im Jahr 1972, als ich bereits seit einem Jahr oder mehr Pres­sereferent der Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport war, dass ich Vor­sitzender der Jungsozialisten wurde und damit in den Landesvorstand der SPD in Berlin gelangte. Kurz darauf meldete sich bei mir ein Journalist der Nachrichtenagen­tur Nowosti. Er hatte eine Menge Fragen, was weiter nicht verwunderte, da zu dieser Zeit die JuSo’s eine große Vietnam-Demonstration vorbereiteten und wir dazu eine Art Volksfront organisierten, in der von anarchistischen Gruppen, über die FdJ(W) bis zu den Pfadfindern alles vertreten war. Dabei wurden wir von der rechten Führung der SPD und noch mehr von der Presse heftig kritisiert.

Es zeigte sich sehr schnell, dass Igor – nennen wir ihn einmal so – weitergehende Informationsinteressen hatte.

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Antisemitismus

Meine Schwester ist zwei Jahre älter als ich. Als sie in die Schule kam und lesen lernte, machte ich es ihr zuhause nach. Ich las also schon sehr früh selbst. Zumindest die Kinderbilderbücher. Was ich daraus lernte, ist dialektisch verzwickt. In der deutschen Nazi-Öffentlichkeit galt als selbstverständlich: Die Juden waren an allem schuld. Aber es gab sie gar nicht wirklich, außer im Bilderbuch. Ich hatte in Seewal­chen ein antisemitisches Bilderbuch oder zumindest war in einem meiner Bilderbücher eine antisemiti­sche Geschichte, an die ich mich erinnere. Und ich erinnere mich an die Wirkung, die sie auf mich hatte, denn sie war ganz anders, als die Autoren es beabsichtigt hatten.

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Regierungs- und andere Wechsel

Wir hatten 1981 die Wahl verloren. Das war vorher schon abzusehen gewesen. Und es waren eigentlich auch gar nicht „wir“ gewesen, die verloren hatten, die Linken – vergeigt hatten es Stobbe, Grimming, Rieb­schläger & Co. Erinnert sich jemand noch an die Namen und Gesichter? Nicht einmal ich, der ich sie auf vielen Parteitagen aus leidvoller Nähe erlebt habe. Aber sie waren mir sowieso immer zuwider gewe­sen, Dietrich Stobbe schon rein körperlich. Ihn umgab eine Fettschicht kleinbürgerlicher Selbstgerech­tigkeit, die ihn für Zweifel unanfällig machte, nicht aber für weitere Verwendung: nach seinem Fiasko als Regierender Bürgermeister wurde er über die Friedrich Ebert Stiftung nach New York entsorgt und ich hörte danach nie wieder etwas von ihm, so dass ich annahm, er sei mittlerweile tot.

Doch weit gefehlt: das Landesarchiv sagt in seiner Kurzbiographie:

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Hongkong – erste Eindrücke

Nach dem Frühstück machen wir uns nun auf, um im Yachtclub die Vorbereitungen für die Ankunft vom Walross zu treffen. Hoffentlich ist dort der Travellift groß und stark genug, dass wir das Schiff aus dem Wasser nehmen und die nötigen Reparaturen dort vornehmen können. Wenn nicht, wird es noch stressiger. Wir hoffen immer noch, dass sie heute noch ankommen und wir morgen mit den Arbeiten beginnen können.

Solange vertreiben wir uns die Zeit mit Tourismus. Da kann Hongkong Einiges bieten. Jedenfalls gibt es keinen Anlass zur Langeweile. Und das öffentliche Verkehrssystem ist exzellent. Und mitunter abenteuerlich.

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Uralte Lehrer und eine gelbe Krawatte

Ich sehe mich auf dem Schulweg. Es ist Sommer. Ich gehe, barfuss und in kurzen Lederhosen, die Wilhelmstrasse entlang. Aus einem Keller, der mit schmalen Luken zum Bürgersteig hin entlüftet, strömt ein kalter Hauch um die nackten Beine. Das wiederholt sich in der Kirchgasse und treibt den Harn in die Blase. Zum Pinkeln an die Linde oder den Sockel des Bismarckdenkmals oder in einer der Ecken der Amanduskirche klappte man halt den Latz der Lederhose herunter, der mit zwei dicken Hornknöpfen befestigt war.

Nun aber werden die zunächst rauen Lederhosen im Gebrauch nicht nur glatt sondern auch härter und man konnte diesen Prozess dadurch beschleunigen, dass man an ihnen die fettigen Finger ab­putzt und im Wald auf dem Hosenboden die Hänge hinunterrutscht. Die Produktion dieser Patina war ein hochwillkommener Prozess der Aneignung und Individualisierung dieses Bekleidungsstücks und nur die älteren Knaben in einer Familie hatten überhaupt die Chance dazu, denn die Hosen wurden an die jüngeren Geschwister oder Vettern weitervererbt. Die mussten die fremde Patina weiter tragen. Mit der Härtung des Leders wurde es aber zunehmend schwieriger, die Knöpfe zu öffnen. Wir übten, ohne den Hosenlatz aufzuknöpfen und das „Spitzle“ herauszuholen, zwischen Oberschenkel und Lederhosenbein herauszupinkeln. Das geht, wenn man die Hände in die Taschen steckt, damit die Hose in die richtige Position dreht und das kleine Gemächt in eine propere Lage schüttelt.

Damit konnte man sich dann dicke machen.

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Agnoli

Johannes Agnoli ist tot. Rudi Schmidt schickte einen Nachruf von Wolf-Dieter Narr aus der heutigen FR herum, sonst hätte ich wieder einmal nichts mitbekommen. Narr schreibt über Agnolis „deutsche“ Sozialisation in Urach und die Verbindung zum Schwäbischen, die widerspruchsfrei natürlich nicht war, auch wenn sie in Narrs Nachruf die Stelle des Heimeligen zu vertreten hat. In Urach hieß er Agnóli, deutsch betont und er war ein Außenseiter, der “Italiener“, Jahre bevor die regulären italienischen „Gastarbeiter“ kamen und er blieb etwas Besonderes, einer, aus dem man nicht so recht schlau wurde. Ich lief ihm damals wohl öfter über den Weg denn er wohnte auch in der Münsingerstrasse, zwischen Hagen und mir, drei Häuser weiter bei zwei ältlichen Schwestern, deren Namen ich vergessen habe und die sicherlich nur meinen Kinderaugen ältlich erschienen, wie manch andere kaum Vierzigjährige auch, deren Männer vor Stalingrad verreckt waren.

Hannes arbeitete auf dem Holzplatz, das war schwere körperliche Arbeit und eigentlich passte das gar nicht zu dem schmächtigen Kerl.

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Seewalchen

Am Sonntag, dem 26.07.98 kamen wir am frühen Nachmittag in Seewalchen an. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das letzte Mal dort gewesen war, mich bei Kastingers präsentierte, die Handel-Tanten inmitten ihrer Dalmatiner in Buchberg besuchte; es mag jetzt 25 Jahre her sein, seinerzeit mit Margret auf der Durchreise nach Wien. Schon damals erkannte ich das Dorf nicht wieder, geschweige denn jetzt, auf dem Heimweg nach Berlin, mit Faviola und den Kindern am Ende des Urlaubs im Mühlviertel.

Wir kamen über Linz, wo wir Probleme hatten, die Bundesstrasse nach Wels zu finden, ohne die inner­städtische Autobahn zu benutzen, bestaunten im Vorbeifahren die merkwürdige Kirche auf dem Hügel in Vöcklabruck, die zwei Türme hintereinander zu haben scheint und bogen in das Tal der Ager ein. Über Lenzing war ich noch nie gekommen, sah meines Wissens zum ersten Mal den großen Betrieb, vor dem an diesem Sonntag Gendarmen irgendeinen lokalen Verkehr zu regeln hatten. Dann links das Kirchlein von Schörfling, die Brücke, der Abzweig nach Seewalchen hinein.

Dort wo die Hauptstrasse von der Atterseestrasse die Anhöhe hinauf abzweigt, ist die Einmündung aufgepflastert: 30 km-Zone – und „seit 1955“ sagt die Werbung, ich hätte es also beim letzten Besuch schon merken müssen, steht hier das Café Rohringer. Es ist ein Haus in diesem Allerwelts-Alpenstil, mit Erker an der Ecke und Holzbalkon über die Giebelfront und wirkt so neu, dass es auch gar nicht von 1955 sein kann. Der Kontrast liegt rechter Hand, zwanzig Meter weiter, das Stammhaus Kastinger, die Schau- und Verkaufsräume hinter den schmutzigen Schaufenstern leer, blinde Fenster in den Etagen darüber. Gegenüber, die Nr. 28, frisch renoviert, daneben ein neues Einfamilienhaus in den früheren Garten geklemmt. Hier bin ich geboren.

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Die Nacht, in der wir Hitler begruben.

Im Wohnzimmer über dem Sofa hing der Führer in Öl. Irgendwie gehörte er für mich zur Familie, so selbstverständlich wie mein Kaninchen dazugehörte. Zu dieser Zeit gab es nicht nur die Pro­paganda gegen die Kriegsgegner „Pst! Feind hört mit!“ oder die Feindsender, die Dolly Karbula im Stockwerk über uns hörte, aber die war gebürtige Engländerin und die schminkte sich sogar, sondern auch gegen die frierende Bevölkerung, die sich die fehlende Heizenergie aus den Güterzügen klaute. Mein Kaninchen hieß wie die Figur des schwarzen „Kohlenklau“ auf den Plakaten, die wohl auch in Seewalchen hingen, obwohl dieser Ort gar keinen Bahnanschluss besitzt. Ich erinnere mich daran ganz genau.

Hitler blickte entschieden väterlich auf uns herab. Meine Schwester nahm morgens Aufstellung vor dem Sofa und sagte „guten Morgen Führer, ich bin schon aufgewacht!“ Sie ging schon zur Schule und war sehr pflichtbewusst. Ich kann mich dagegen nicht erinnern, dass ich ein beson­deres Verhältnis zum Führerbild hatte. Kohlenklau stand mir näher, obwohl klar war, dass er eines Tages geschlachtet werden und ich ihn mit etwas Trauer und viel Appetit mitessen würde.

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