Meine Zeit als Doppelagent

Es war wahrscheinlich im Jahr 1972, als ich bereits seit einem Jahr oder mehr Pres­sereferent der Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport war, dass ich Vor­sitzender der Jungsozialisten wurde und damit in den Landesvorstand der SPD in Berlin gelangte. Kurz darauf meldete sich bei mir ein Journalist der Nachrichtenagen­tur Nowosti. Er hatte eine Menge Fragen, was weiter nicht verwunderte, da zu dieser Zeit die JuSo’s eine große Vietnam-Demonstration vorbereiteten und wir dazu eine Art Volksfront organisierten, in der von anarchistischen Gruppen, über die FdJ(W) bis zu den Pfadfindern alles vertreten war. Dabei wurden wir von der rechten Führung der SPD und noch mehr von der Presse heftig kritisiert.

Es zeigte sich sehr schnell, dass Igor – nennen wir ihn einmal so – weitergehende Informationsinteressen hatte.

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Antisemitismus

Meine Schwester ist zwei Jahre älter als ich. Als sie in die Schule kam und lesen lernte, machte ich es ihr zuhause nach. Ich las also schon sehr früh selbst. Zumindest die Kinderbilderbücher. Was ich daraus lernte, ist dialektisch verzwickt. In der deutschen Nazi-Öffentlichkeit galt als selbstverständlich: Die Juden waren an allem schuld. Aber es gab sie gar nicht wirklich, außer im Bilderbuch. Ich hatte in Seewal­chen ein antisemitisches Bilderbuch oder zumindest war in einem meiner Bilderbücher eine antisemiti­sche Geschichte, an die ich mich erinnere. Und ich erinnere mich an die Wirkung, die sie auf mich hatte, denn sie war ganz anders, als die Autoren es beabsichtigt hatten.

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Regierungs- und andere Wechsel

Wir hatten 1981 die Wahl verloren. Das war vorher schon abzusehen gewesen. Und es waren eigentlich auch gar nicht „wir“ gewesen, die verloren hatten, die Linken – vergeigt hatten es Stobbe, Grimming, Rieb­schläger & Co. Erinnert sich jemand noch an die Namen und Gesichter? Nicht einmal ich, der ich sie auf vielen Parteitagen aus leidvoller Nähe erlebt habe. Aber sie waren mir sowieso immer zuwider gewe­sen, Dietrich Stobbe schon rein körperlich. Ihn umgab eine Fettschicht kleinbürgerlicher Selbstgerech­tigkeit, die ihn für Zweifel unanfällig machte, nicht aber für weitere Verwendung: nach seinem Fiasko als Regierender Bürgermeister wurde er über die Friedrich Ebert Stiftung nach New York entsorgt und ich hörte danach nie wieder etwas von ihm, so dass ich annahm, er sei mittlerweile tot.

Doch weit gefehlt: das Landesarchiv sagt in seiner Kurzbiographie:

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Hongkong – erste Eindrücke

Nach dem Frühstück machen wir uns nun auf, um im Yachtclub die Vorbereitungen für die Ankunft vom Walross zu treffen. Hoffentlich ist dort der Travellift groß und stark genug, dass wir das Schiff aus dem Wasser nehmen und die nötigen Reparaturen dort vornehmen können. Wenn nicht, wird es noch stressiger. Wir hoffen immer noch, dass sie heute noch ankommen und wir morgen mit den Arbeiten beginnen können.

Solange vertreiben wir uns die Zeit mit Tourismus. Da kann Hongkong Einiges bieten. Jedenfalls gibt es keinen Anlass zur Langeweile. Und das öffentliche Verkehrssystem ist exzellent. Und mitunter abenteuerlich.

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Uralte Lehrer und eine gelbe Krawatte

Ich sehe mich auf dem Schulweg. Es ist Sommer. Ich gehe, barfuss und in kurzen Lederhosen, die Wilhelmstrasse entlang. Aus einem Keller, der mit schmalen Luken zum Bürgersteig hin entlüftet, strömt ein kalter Hauch um die nackten Beine. Das wiederholt sich in der Kirchgasse und treibt den Harn in die Blase. Zum Pinkeln an die Linde oder den Sockel des Bismarckdenkmals oder in einer der Ecken der Amanduskirche klappte man halt den Latz der Lederhose herunter, der mit zwei dicken Hornknöpfen befestigt war.

Nun aber werden die zunächst rauen Lederhosen im Gebrauch nicht nur glatt sondern auch härter und man konnte diesen Prozess dadurch beschleunigen, dass man an ihnen die fettigen Finger ab­putzt und im Wald auf dem Hosenboden die Hänge hinunterrutscht. Die Produktion dieser Patina war ein hochwillkommener Prozess der Aneignung und Individualisierung dieses Bekleidungsstücks und nur die älteren Knaben in einer Familie hatten überhaupt die Chance dazu, denn die Hosen wurden an die jüngeren Geschwister oder Vettern weitervererbt. Die mussten die fremde Patina weiter tragen. Mit der Härtung des Leders wurde es aber zunehmend schwieriger, die Knöpfe zu öffnen. Wir übten, ohne den Hosenlatz aufzuknöpfen und das „Spitzle“ herauszuholen, zwischen Oberschenkel und Lederhosenbein herauszupinkeln. Das geht, wenn man die Hände in die Taschen steckt, damit die Hose in die richtige Position dreht und das kleine Gemächt in eine propere Lage schüttelt.

Damit konnte man sich dann dicke machen.

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Agnoli

Johannes Agnoli ist tot. Rudi Schmidt schickte einen Nachruf von Wolf-Dieter Narr aus der heutigen FR herum, sonst hätte ich wieder einmal nichts mitbekommen. Narr schreibt über Agnolis „deutsche“ Sozialisation in Urach und die Verbindung zum Schwäbischen, die widerspruchsfrei natürlich nicht war, auch wenn sie in Narrs Nachruf die Stelle des Heimeligen zu vertreten hat. In Urach hieß er Agnóli, deutsch betont und er war ein Außenseiter, der “Italiener“, Jahre bevor die regulären italienischen „Gastarbeiter“ kamen und er blieb etwas Besonderes, einer, aus dem man nicht so recht schlau wurde. Ich lief ihm damals wohl öfter über den Weg denn er wohnte auch in der Münsingerstrasse, zwischen Hagen und mir, drei Häuser weiter bei zwei ältlichen Schwestern, deren Namen ich vergessen habe und die sicherlich nur meinen Kinderaugen ältlich erschienen, wie manch andere kaum Vierzigjährige auch, deren Männer vor Stalingrad verreckt waren.

Hannes arbeitete auf dem Holzplatz, das war schwere körperliche Arbeit und eigentlich passte das gar nicht zu dem schmächtigen Kerl.

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Seewalchen

Am Sonntag, dem 26.07.98 kamen wir am frühen Nachmittag in Seewalchen an. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das letzte Mal dort gewesen war, mich bei Kastingers präsentierte, die Handel-Tanten inmitten ihrer Dalmatiner in Buchberg besuchte; es mag jetzt 25 Jahre her sein, seinerzeit mit Margret auf der Durchreise nach Wien. Schon damals erkannte ich das Dorf nicht wieder, geschweige denn jetzt, auf dem Heimweg nach Berlin, mit Faviola und den Kindern am Ende des Urlaubs im Mühlviertel.

Wir kamen über Linz, wo wir Probleme hatten, die Bundesstrasse nach Wels zu finden, ohne die inner­städtische Autobahn zu benutzen, bestaunten im Vorbeifahren die merkwürdige Kirche auf dem Hügel in Vöcklabruck, die zwei Türme hintereinander zu haben scheint und bogen in das Tal der Ager ein. Über Lenzing war ich noch nie gekommen, sah meines Wissens zum ersten Mal den großen Betrieb, vor dem an diesem Sonntag Gendarmen irgendeinen lokalen Verkehr zu regeln hatten. Dann links das Kirchlein von Schörfling, die Brücke, der Abzweig nach Seewalchen hinein.

Dort wo die Hauptstrasse von der Atterseestrasse die Anhöhe hinauf abzweigt, ist die Einmündung aufgepflastert: 30 km-Zone – und „seit 1955“ sagt die Werbung, ich hätte es also beim letzten Besuch schon merken müssen, steht hier das Café Rohringer. Es ist ein Haus in diesem Allerwelts-Alpenstil, mit Erker an der Ecke und Holzbalkon über die Giebelfront und wirkt so neu, dass es auch gar nicht von 1955 sein kann. Der Kontrast liegt rechter Hand, zwanzig Meter weiter, das Stammhaus Kastinger, die Schau- und Verkaufsräume hinter den schmutzigen Schaufenstern leer, blinde Fenster in den Etagen darüber. Gegenüber, die Nr. 28, frisch renoviert, daneben ein neues Einfamilienhaus in den früheren Garten geklemmt. Hier bin ich geboren.

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Die Nacht, in der wir Hitler begruben.

Im Wohnzimmer über dem Sofa hing der Führer in Öl. Irgendwie gehörte er für mich zur Familie, so selbstverständlich wie mein Kaninchen dazugehörte. Zu dieser Zeit gab es nicht nur die Pro­paganda gegen die Kriegsgegner „Pst! Feind hört mit!“ oder die Feindsender, die Dolly Karbula im Stockwerk über uns hörte, aber die war gebürtige Engländerin und die schminkte sich sogar, sondern auch gegen die frierende Bevölkerung, die sich die fehlende Heizenergie aus den Güterzügen klaute. Mein Kaninchen hieß wie die Figur des schwarzen „Kohlenklau“ auf den Plakaten, die wohl auch in Seewalchen hingen, obwohl dieser Ort gar keinen Bahnanschluss besitzt. Ich erinnere mich daran ganz genau.

Hitler blickte entschieden väterlich auf uns herab. Meine Schwester nahm morgens Aufstellung vor dem Sofa und sagte „guten Morgen Führer, ich bin schon aufgewacht!“ Sie ging schon zur Schule und war sehr pflichtbewusst. Ich kann mich dagegen nicht erinnern, dass ich ein beson­deres Verhältnis zum Führerbild hatte. Kohlenklau stand mir näher, obwohl klar war, dass er eines Tages geschlachtet werden und ich ihn mit etwas Trauer und viel Appetit mitessen würde.

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Gefährliche Ware – die USA schützen sich

Heute morgen haben wir die Grenze zwischen Mexico und den USA passiert. Bis dahin zeigte das Echolot in der grossen Bucht eine Wassertiefe von 29 m. Die letzten Töne der amerikanischen Nationalhymne, von drei Crewmitgliedern im Cockpit ziemlich schräg und mit durchaus uneinheitlicher Stimmführung vom Blatt gestammelt, waren kaum verklungen, da stieg die Tiefe auf 32 m an. Da war klar, wir sind in the land of the free: da ist halt alles größer, tiefer, mächtiger.

Weit draussen eine Ansteuerungstonne, aber dann war es einfach, den Tonnenstrich entlang bis zur Quarantänestation, an der wir einchecken sollten. Doch vor diesen Akt hatten die zuständigen Behörden eine lange Wartezeit geschaltet. Christoph kam mit den Papieren zurück an Bord: die Station ist nicht besetzt. Wahrscheinlich kommen Ausländer hier nur alle paar Jubeljahre vorbei.

Man meldet sich an der Kontrollstation über Telefon bei der border control – wir haben uns zwar schon zuvor von See her per Funk beim harbourmaster gemeldet, aber der behält offenbar diese Information für sich. Weit draussen hatten uns schon eine futuristische Fregatte und mehrere Hubschrauber der Marine beäugt – ihre Erkenntnisse aber ebenso für sich behalten. Ein Dank an die Gewaltenteilung und den Datenbeauftragten. Nur leider kostete das unsere Zeit.

Es dauerte drei Stunden, bis die Grenzbeamten kamen.

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