Achteraus liegt das, was man verlassen hat, das Gewesene — im selben Moment beginnt es schon vergangen zu sein, während der Rudergänger den Bug nach neuen Horizonten richtet. Achteraus sinken alte Sehnsüchte und Hoffnungen hinter die Kimm, während neue am Horizont noch nicht auftauchen. Achteraus bleibt das sichere Land und besseres ist noch nicht in Sicht
Da sitze ich nun vor dem Radio auf einem Sessel und habe Flo's Schreibmaschine auf den Knien. Und weil ich Dir heute schon gesagt habe, daß ich Dich lieb habe, muß ich mir etwas anderes ausdenken. Ich werde also zuerst einmal von mir erzählen und dann noch was suchen, was ich Dir (außer von Ostberlin) noch erzählen könnte.
Die Genossen sind wieder einmal ausgeflogen ins Kino, sie sind sowieso kaum zuhause und kümmern sich auch nicht weiter um die Wohnung. Sie wohnen hier nicht eigentlich, sie schlafen hier nur und schließen sich zusammen etwas zu sehr ab. Das hat zur Folge, daß ich mich trotz Mitbewohner oft doch etwas einsam fühle und am Abend oder in der Nach hinauslaufe in Richtung Zonengrenze.
Hinter der Bahnlinie, die ganz dicht am Haus vorbeiführt, beginnt ja schon das Land und es gibt tatsächlich Perspektiven ohne Fabriken und Wohnblöcke wo der Eindruck von 'Natur' nahezu vollkommen ist: Roggenfelder, Obstgärten und Eichen, verlotterte Zäune, verfilzte Hecken und Gartenhäuser, die ganz mit dem Jasmin verwachsen sind. Und Wege, mit ausgefahrenen Geleisen, Sand in denen die Profile der Reifen eingedrückt sind und schwarze Wasserpfützen, die sich darin ansammeln. In der Mitte steht das Gras ziemlich grün und fett, fast ungeknickt.
Es ist sehr schön. Du kannst abends durch Wiesen und Roggen gehn, Du fühlst das weiche Gras unter den Sohlen und die Halme scheuern sich an den Kleidern. Dann ist auch der Himmel ganz oben sehr blau und nur die Ränder, die zum Horizont herunterhängen sind ausgewaschen fahlblau und mit Wolkenflecken besetzt. Es wäre eigentlich eine Stimmung um Gedichte zu machen, wenn ich nicht zu feige wäre, es nocheinmal zu versuchen. Aber es käme ja doch nur ein Heine-Aufguß zustande. Wiesen und Felder und dahinter die Befestigungen der Grenze und ab und zu das dumpfe Bumsen der Amis, die ihre Geschütze und Granatwerfer ausprobieren. So verbindet sich hier Technik und Natur und ergibt ein manchmal etwas desperates Ganzes, das einen müde macht. Wie melancholisch wirkt doch ein S-Bahn Geleise, das verrostet inmitten gelber Blumen liegt, über das schon die Hecken wachsen, wo sich die Wurzeln in die Mechanik der Weichen drängen: Hohn der menschlichen Erfindungsgabe und nicht wieder Natur, das eine zerstört das andere und wird von ihm zerstört. Du kannst die Hebel noch umlegen und die Wurzeln zerdrücken.
Gleich neben der S-Bahn liegt ein Garten und seine Hecken sind aus Himbeer. Sie schmecken wie aus Dosen, etwas wässrig, verschrumpelt; wenn Du in die Hecke brichst, trittst Du auf verrostete Töpfe und verrottete Matratzen.
Man kommt sich unwillkürlich manchmal so vor, wie ein stillgelegtes S-Bahn Geleis auf den keine Züge mehr zum Andern fahren. Vielleicht hätt ich mich doch mehr um einen Freundeskreis bemühen müssen. Die alten aber sind langweilig geworden oder sie sind zu weit entfernt, als saß man zu ihnen ginge um mit ihnen zu sprechen. Das fehlt einem dann doch, so eine kleine Ansprache, wenn man das, was man in sich aufnimmt, nicht wieder jemandem weitergeben kann: was man erlebt wird dann tot, entrückt in Bezirke der Erinnerung, wo sich an die einstmals so frische und schöne Entdeckung kein Gefühl mehr bindet, wo das Spontane verloren geht und einsinkt in ein greisenhaften Dämmern, verrostet und von Schweigen überwuchert wird! Man kann das Reden so leicht verlernen, man sollte es kaum glauben. Das ist dumm, wenn man nicht reden kann, ohne etwas von sich weg zu geben und redet und die Resonanz nicht fühlt: es ist, als laufe man gegen die Grenzbefestigungen und starre durch die Schießscharten. Es ist etwas Bösartiges und Feindseliges im Schweigen.
Und damit käme ich eigentlich schon zum Chruschtschew-Besuch in Ostberlin. Ich bin gegen 10 Uhr in der Friedrichstraße angekommen und stellte mich als braver Bürger zunächst einmal hinten an die Schlange an, ich kann Dir sagen, das war reinste Schikane, die Genossen taten aber auch gar nichts anderes als die Leuten in Reih und Glied aufstellen, zurückzudrängen und dann zu verschwinden. Als ich eine Stunde gewartet hatte wurde es mit zu dumm und ich schloß mich einigen großen Kollegen an, die mit Einladungstelegrammen zum Staatsbesuch gesegnet waren. Ich gab mit meinem Personalausweis neinen NOTIZEN-Auswein ab und siehe da: es ging ganz schnell. Man unterstrich die Nummer mit Rotstift, das hieß: bevorzugt abfertigen. Immerhin kam ich so schon um 12 Uhr über die Grenze, während andere bis über drei Stunden in der schwitzenden Masse ihren Geist Stückchen für Stückchen aushauchten.
Ein Kollege von 'Blick'(Du kennst doch die Affäre mit dem toten Pabst), der stellvertretende Chefredakteur, wartete mit mir und wir unterhielten uns recht wacker. Dann versuchte ich über den polnischen Pavillon Andrzej zu erreichen, aber man sagte mir, er habe sich nicht blicken lassen. Später erfuhr ich von den Leuten des Ostberliner Fernsehens, die schon vor dem roten Rathaus Aufstellung genommen hatten, daß Sendung von Andrzej diesmal aus Rostock gekommen sei, er war offenbar nur ganz kurz in Berlin gewesen. Und die Genossen verwiesen mich nach Schöneweide, wo der Aufnahmeleiter der "Brücke" sitze. Also fuhr ich hinaus um mich zu erkundigen, aber der Mensch war nicht dort. Dafür begannen die ersten und linientreusten Kollegen von den Betriebskampfgruppen gerade Aufstellung zu nehmen. Die meisten Berliner aber schienen desinteresiert, sie liefen bis kurs vorher noch herum, einkaufen, Besuche machen und was man eben mit einen unverhofft halben freien Tag anfängt. Die Sonne war verdammt heiß am Himmel und die VoPo's, die zwei Meter breite Lücken zum Zusehen ließen, schwitzten vor sich hin. Gegen drei Uhr kamen dann die Belegschaften der Kindergärten und Schulen mit roten Tereschkowa- Fähnchen, Luftballons und stellten sich vor die Wostok-Atrappe, die ich schon von ersten Mai her kannte. Neben mir stand ein junger Mann, der mir erzähle, daß die Brigaden gemeinsam an dem Empfang teilnähmen und daß es nicht ich nicht ungefährlich sei, der Aufforderungen der Genonsen nich zu folgen. Als seine Frau dann aber kam und ihn seine Arbeitskollegen lange genug gesehen hatten, verschwand er. Er machte einen recht netten Eindruck und schwärmte mir vom Kennedy-day vor, den er im Fernsehen folgt hatte, aber nicht bevor er mit dem berühmten deutschen Blick über die Achsel auf einen älteren Macker im FDJ-Hend gelinst und die Stimme gesenkt hatte.
Ich drängte mich dann, als der Verkehr stillgelegt worden Straßenmitte auf die Straßenbahngeleise und stand da ganz gut. Gegen drei Uhr begann es interessant zu werden, nachdem man vorher über die Lautsprecher die Ansprache Ulbrichts nur immer verstümmelt vom Straßenlärm vernommen hatte -- es lohnte sich auch nicht und ich sah keinen Menschen der etwa aufmerksam zugehört hätte, während doch beim Kennedy-day sogar in den Bussen die Transistorenradios immer auf größte Lautstärke getrimmt waren, auf daß kein Augenblick verloren ginge. Kurz nach drei kamen die ersten Wagen vorbeigebraust, so etwa mit dreißig. Da stand also Walterchen in der ganzen Pracht seiner 70 Funktionärsjährchen, im hellen Anzug mit dunkler Kravatte, sauber gestutzten Bart und einem stereotypen Lächeln, das ebeno kalt war, wie das Funkeln seiner randlosen Brille. Daneben Nikita Sergejewitsch Chrutschtschew, in dunklen Anzug, klein und korpolent und hellbraun in Gesicht, gesund und einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, sowie einer dezenten Ordensschnalle auf dem Jakett. Er wirkte sehr landesväterlich und strahlte das aus, was man an Ulbricht vermißte: souveräne Gelassenheit und Zuversicht. Er ist schon eindrucksvoll und bedeutend gewinnender als auf den Bildern, die man von ihm sieht, man könnte vielleicht sogar sagen, daß er einen gewissen Charme ausstrahlt: Volksführer und nicht kalter Funktionär.
Neben mit standen zwei Halbstarke und murmelten immer Ken-ne-dy, Ken-ne- dy. Nur die Genossen von FDGB schwenkten Hanner-und-Sichel- und Spalter-Fahnen. Aber selbst die schwenkten nur solange, bis ER vorbei war. Kurz danach, ohne daß sie die Vorbeifahrt der Minister und Diplomaten abgewartet hatten -- die übrigens meist in verhängten Limusinen vorbeihuschten -- strömte alles weg. Ich sah noch die Chruschtschowa, die sich winkend aus den Wagen beugte und sehr nett aussah, wie eine norddeutsche Pastorentochter, die in die Hochfinanz geheiratet hat: einfach, aber gepflegt und sehr natürlich.
Ich reihte mich in den Strom der Abgehenden ein und fuhr mit einem beinahe leeren S-Bahn-Zug in Richtung Alex, wo Mr. K seine Rede halten sollte. Als ich dort ankam, war gerade die erste Wagenkolonne schon vorgefahren und das Volk strömte vehement zurück zu den Kochtöpfen, es war nicht ganz einfach, sich den Weg zum Rathaus zu bahnen, man drängelte rücksichtslos zu den Zügen.
Ich schaffte es gerade noch um den Jungen Ebert, der bei denen den Oberbürgermeister markiert (ein feister dummdreister Kerl, der wahrscheinlich nicht einmal richtig lesen kann) die Begrüßungsansprache reden zu hören. Sie war fade. Dann kam Mr. K. und redete kurz, nein, erst noch jemand andres, aber nicht Walterchen. Unten vor den Rathaus brüllte die FDJ in Sprechchören Drusch-ba und Chruscht-schew und das Volk winkte und ab und zu und freute sich offenbar, daß ihm die Last des Jubelns abgenommen wurde. Chruschtschew selbst war nicht besonders gut, er machte nur ein Witzchen und feierte dann die UdssR und ihre Erfolge in Weltraum. Immer wenn er die Tereschkowa feierte, kam so etwas wie Anteilnahme in Publikum auf, sonst verhielt sich passiv und nahm gerne die Möglichkeit wahr, sich von einer umgesunkenen Schönen ablenken zu lassen.
Während Chruschtschew ans Mikrophon trat und sagte, es kämen ja jetzt sehr viele Leute nach Berlin, aber es käme darauf an, was sie im Gepäck mitbrächten, begann es furchtbar zu donnern und zu blitzen, die roten Fahnen schienen sich träge gegen die Last der Schwülle zu stemmen und sanken dann schlaff zusammen.
Auch hier rannte alles weg, kaum war Mr. K mit seinem speech zuende. Auch ich begab mich eilenden Schrittes in Richtung Friedrichstraße, wurde allerdings unterwegs noch von Unwetter eingeholt. Es begann exakt in den Augenblick loszubrechen, als K. die "Strecke des Triumphes" (ND) fortsetzte und die Leute flüchteten sich überall anderswo hin, nur nicht an den Straßenrand, sodaß dieser aussah wie ein Tannenbaun an 1. Januar, etwas schäbig und schmutzig in seiner welken Pracht.
Dann aber erhob sich ein sozialistischer Sturm, der mir den Dreck von den Straßen in die Augen, in den Mund und in das geöffnete Hemd trieb, sodaß ich mich am Abend waschen mußte und bein Essen immer noch auf Dreck kaute. Die ganzen Westdeutschen und es war eine ganze Masse, hatten sich in die Abfertigungshalle geflüchtet und standen in einer immens engen Schlange vor den Tischen. Obwohl ich zuerst noch etwas zu mir nahm und etwa eine Stunde wartete, bis ich mich anstellte, nahm diese Schlange nicht ab, ich stand zweieinhalb Stunden in qualvoller Enge, mein Kreuz schmerzte höllisch, der Schweiß rann mir in Bächen durch den Po in die Socken hinunter und meine Laune war entsprechend. Ich machte mir in unflätigem Geschimpfe Luft und brüllte immer Idioten und schikanöse Saubande und sozialistischer Wettbewerb nach vorn, aber die hatten die Ruhe weg, sie fertigte in der Minute vielleicht einen halben Menschen ab und das ist wenig. Es standen Afrikaner und Japaner da, die filmten die fluchende Schlange. Es war schon recht gut so. Ich hab eine solche Wut auf die Affen, daß ich bestimmt kein Geld mehr in ihre Intershop-Kioske mehr trage. Wenn ich dort etwas kaufe, dann nur mit Schwindelkurs auf Zigaretten-Basis.
Tja, da hat also das Papier doch nicht ganz gereicht und ich werde eben noch schreiben müssen, obwohl ich ausgebrannt bin, nach Bier dürste und noch einige Seiten Referat tippen wollte. Aber so geht eben.
Ich glaube, ich muß Dir noch zum Geburtstag gratulieren, so in aller Form. Ich bedaure nur, daß ich nicht mit Dir im Museum feiern kann, bei Reistopf nach Art des Hauses und nachher in irgend eine kleine Pinte oder nach Schwärzloch hinaus (haben die nicht am Montag zu?), oder auf die Rosenau. Schade, die alten Freunde sind ja nicht mehr zugänglich, entweder, daß sie fortgezogen sind oder daß sie sich so verändert haben, daß man die Gemeinschaft nicht mehr unbedingt sucht.
Übrigens hat mir Saupe einen recht netten und versöhnlich wirkenden. Brief geschrieben, der allerdings eine meiner Befürchtungen bestätigte.
Er meint natürlich, daß die Angelegenheit auf Gegenseitigkeit beruht und so, wie ich Dich kenne, hat er bestimmt nicht unrecht. Du bist eben manchmal sehr unbescheiden und vorlaut, ich hätte allerdings nicht gedacht, daß er, Saupe, so mimosenhaft sei, wo er doch mit Vorliebe Genickschläge austeilt. Sieh da, er ist also tiefst verletzt gewesen. Bitte paß ein bißchen auf auf Dich und versuch Dich etwas zurück zu halten, nachdem ich nicht mehr da bin und unmittelbare Folgen wie bei Jochen damals ausblügeln kann. Blöd, was, wie wir uns gegenseitig aus der Patsche helfen? Bzw. halfen? Bitte versuch, etwas Distanz zwischen Dich und die anderen zu legen, ohne daß Du den Verkehr abbrichst, das wäre nicht gut. Ich glaube, wir waren einfach zu intim miteinander, daß wir unsere Fehler alle so gut kennen, daß wir uns immer dort verletzen, wo es am schmerzlichsten ist. Und dabei, das ist der Witz der Geschichte, immer meinen, wir hülfen uns, diese Fehler zu erkennen und zu überwinden. Der Wunsch nach einem wirklichen freundschaftlichen Verhältnis ließ uns unser ganzes Ich selbstvergessen in die Pfanne schlagen, nur des Gefühles willen, damit seien wir, in der Selbstverleugnung, am offensten für den Andern. Ich glaube eher, daß es ein Wettbewerb der nicht erkannten egoistischen Überheblichkeit war; die perfekteste Intimität sollte uns in den Mittelpunkt stellen.
Aber so wollte ich ja nicht aufhören, aber ist schon spät, ich werde den Brief einmal wieder unkorrigiert zur Post bringen müssen. Behalt mich, trotz dieser blöden Schreibe, ein bißchen lieb, so wie ich Dich lieb habe und mich nach Dir sehne.
Mein Körper ist in verheerenden Zustand, aber ich freue mich, daß es der Deine auch war. Das ist gut so. [...]
Am Sonntag, dem 26.07.98 kamen wir am frühen Nachmittag in Seewalchen an. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich das letzte Mal dort gewesen war, mich bei Kastingers präsentierte, die Handel-Tanten inmitten ihrer Dalmatiner in Buchberg besuchte; es mag jetzt 25 Jahre her sein, seinerzeit mit Margret auf der Durchreise nach Wien. Schon damals erkannte ich das Dorf nicht wieder, geschweige denn jetzt, auf dem Heimweg nach Berlin, mit Faviola und den Kindern am Ende des Urlaubs im Mühlviertel.
Wir kamen über Linz, wo wir Probleme hatten, die Bundesstrasse nach
Wels zu finden, ohne die innerstädtische Autobahn zu benutzen,
bestaunten im Vorbeifahren die merkwürdige Kirche auf dem Hügel in
Vöcklabruck, die zwei Türme hintereinander zu haben scheint und bogen in
das Tal der Ager ein. Über Lenzing war ich noch nie gekommen, sah
meines Wissens zum ersten Mal den großen Betrieb, vor dem an diesem
Sonntag Gendarmen irgendeinen lokalen Verkehr zu regeln hatten. Dann
links das Kirchlein von Schörfling, die Brücke, der Abzweig nach
Seewalchen hinein.
Dort wo die Hauptstrasse von der Atterseestrasse die Anhöhe hinauf abzweigt, ist die Einmündung aufgepflastert: 30 km-Zone – und „seit 1955“ sagt die Werbung, ich hätte es also beim letzten Besuch schon merken müssen, steht hier das Café Rohringer. Es ist ein Haus in diesem Allerwelts-Alpenstil, mit Erker an der Ecke und Holzbalkon über die Giebelfront und wirkt so neu, dass es auch gar nicht von 1955 sein kann. Der Kontrast liegt rechter Hand, zwanzig Meter weiter, das Stammhaus Kastinger, die Schau- und Verkaufsräume hinter den schmutzigen Schaufenstern leer, blinde Fenster in den Etagen darüber. Gegenüber, die Nr. 28, frisch renoviert, daneben ein neues Einfamilienhaus in den früheren Garten geklemmt. Hier bin ich geboren.
Heute morgen haben wir die Grenze zwischen Mexico und
den USA passiert. Bis dahin zeigte das Echolot in der grossen Bucht
eine Wassertiefe von 29 m. Die letzten Töne der amerikanischen
Nationalhymne, von drei Crewmitgliedern im Cockpit ziemlich schräg und
mit durchaus uneinheitlicher Stimmführung vom Blatt gestammelt, waren
kaum verklungen, da stieg die Tiefe auf 32 m an. Da war klar, wir sind
in the land of the free: da ist halt alles größer, tiefer, mächtiger.
Weit
draussen eine Ansteuerungstonne, aber dann war es einfach, den
Tonnenstrich entlang bis zur Quarantänestation, an der wir einchecken
sollten. Doch vor diesen Akt hatten die zuständigen Behörden eine lange
Wartezeit geschaltet. Christoph kam mit den Papieren zurück an Bord: die
Station ist nicht besetzt. Wahrscheinlich kommen Ausländer hier nur
alle paar Jubeljahre vorbei.
Man meldet sich an der
Kontrollstation über Telefon bei der border control – wir haben uns zwar
schon zuvor von See her per Funk beim harbourmaster gemeldet, aber der
behält offenbar diese Information für sich. Weit draussen hatten uns
schon eine futuristische Fregatte und mehrere Hubschrauber der Marine
beäugt – ihre Erkenntnisse aber ebenso für sich behalten. Ein Dank an
die Gewaltenteilung und den Datenbeauftragten. Nur leider kostete das
unsere Zeit.
Es dauerte drei Stunden, bis die Grenzbeamten kamen.
Nach Bordcomputer war gestern Nacht unsere ETA –
estimated time of arrival – für Ensenada gegen 4 Uhr früh. Wir liefen
unter Motor und schalteten auf ca. 1700 Umdrehungen zurück, um die
Ansteuerung im ersten Tageslicht zu bewerkstelligen. So konnten wir denn
auch gut die alten Schiffwracks im Hafenbecken ausmachen, auf denen
sich grosse Seehundkolonien breitgemacht haben. Und die riesige
mexikanische Flagge bestaunen, die von der Mole für die
Kreuzfahrtschiffe wehte und so ungefähr die Größe eines Volleyballfeldes
hatte.
Um 7.30 Uhr Leinen fest und Beginn der Arbeit bis zum
Mittag: Wasserfassen, Motorinspektion, Wantenspannung nachstellen, um
die leichte Biegung in der obersten Sektion herauszubekommen, die uns,
nach Mehrheitsmeinung, auf Stb-Bug viel Fahrt gekostet hat. Der poröse
Mastkragen wird erneuert. Hoffentlich ist er dann wirklich dicht – mein
Schlafsack ist, zum ersten Mal auf dieser Reise, sonnentrocken.
Reffsterte und Fallen werden auf Schamfilings überprüft, ggf. gekürzt
und neu betakelt.
Vorgestern bekamen wir morgens wieder Wind und
kreuzten, was das Zeug hält, gegen Wind und Strom und kamen nicht so
richtig voran. Selbst als er auffrischt nähert sich der Mexico-Express,
wie die jungen Crewmitglieder W4 auf der offiziellen website
beschreiben, nur langsam dem Hafen von Ensenada: nach acht Stunden
Nachtwachen haben wir gerade mal 25 sm in die richtige Richtung
geschafft. Wir sind ziemlich frustriert: die ganze Plackerei hoch am
Wind und dann das!
Aber Rasmus hat ein Einsehen und belohnt uns: der Wind steht den ganzen Tag durch und er raumt so weit, dass wir sogar zeitweise Ensenada anliegen können.
Gestern
früh stand über der aufdämmernden Morgenröte noch die goldene
Mondschale, schräg darüber ein heller Stern. Es sah aus, als wollte die
Schale ihn auffangen, sollte er abstürzen. Am Horizont noch ein weiterer
heller Stern, den ich einfach mal „Venus“ nannte, weil er ja den Morgen
ankündigte. Es waren die einzigen Sterne, die von der ansteigenden
Morgendämmerung nicht überstrahlt wurden. Angesichts dieses wunderbaren
Himmels schäme ich meiner Unkenntnis des Firmaments. Im Süden
beispielsweise stand die letzten Tage lange ein Sternbild, das einem
Krebs mit Skorpionsschwanz glich, ein riesiges Sternzeichen, das ich, da
ich es nicht identifizieren konnte, einfach nach meinem
Volleyballfreund „Uli“ nannte.
Als wir Puerta Vallarta gestern Nacht rechts liegen
ließen, frischte der Wind auf. Wir mussten sogar, hoch am Wind, das
zweite Reff einstecken und segelten, segelten wirklich mit ordentlich
speed und fast in die richtige Richtung und das über 24 Stunden lang
ohne den Motor anwerfen zu müssen. Endlich happy sailing…
Aber wie es eben so ist…
Mexico
ist das Paradies der „topes“. In la Ciudad de Mexico ist an jeder
Straßenkreuzung – und manchmal auch dazwischen – ein „tope“. Selbst auf
der Autopista nach Tula, wo ich die Ruinen besuchte, waren unzählige
„topes“, vor denen Schilder mit der Aufschift „Tope“ warnten. Warum man
auf Autobahnen Bodenwellen einbaut, ist ein mexikanisches Rätsel. Selbst
in Barra Navidad, wo wir das Taxi zum Transport an den Hafen brauchten,
waren in allen Straßen „topes“. Völlig unnötig: die Straßen waren mit
groben Kieselsteinen gepflastert, sozusagen ein Fischkopfpflaster, und
das war so mit Schlaglöchern übersät, dass das Taxi sowieso kaum 30 km/h
fahren konnte.
Ich
fragte den taxista, ob vielleicht das Transportministerium einen
Jahresplan für die „topes“ und einen Onkel mit einer Schildermalerei
hätte? Er lachte nur.
Am Ruder sinniere ich weiter über Cabo San Lucas: am Ende der
Halbinsel, weit entfernt den USA, waren wir noch nie so nahe an
Nordamerika. Im riesigen Supermarkt „Plaza“ nahe dem Hafen – andere soll
es weiter ausserhalb auch noch geben – werden fast ausschließlich
amerikanische Produkte angeboten. Es gibt nicht einmal mexikanisches
Bier dort, nur Heineken, Miller und Bud, Plörren, die keinem Vergleich
mit dem Pazifico, dem Montejo, Modelo und selbst mit Corona standhalten.
Es gibt mindestens 40 verschiedene überzuckerte Müsli-Sorten, aber
weder Haferflocken, noch Paniermehl. Ich suche vergeblich nach
Currypulver und süßem Paprika. Immerhin ist das Obst- und Gemüseangebot
einheimisch, gut und frisch, große, reife Papaya und reife Avocados
eingeschlossen.