Turtle Bay – gestrichen

Am Ruder sinniere ich weiter über Cabo San Lucas: am Ende der Halbinsel, weit entfernt den USA, waren wir noch nie so nahe an Nordamerika. Im riesigen Supermarkt „Plaza“ nahe dem Hafen – andere soll es weiter ausserhalb auch noch geben – werden fast ausschließlich amerikanische Produkte angeboten. Es gibt nicht einmal mexikanisches Bier dort, nur Heineken, Miller und Bud, Plörren, die keinem Vergleich mit dem Pazifico, dem Montejo, Modelo und selbst mit Corona standhalten. Es gibt mindestens 40 verschiedene überzuckerte Müsli-Sorten, aber weder Haferflocken, noch Paniermehl. Ich suche vergeblich nach Currypulver und süßem Paprika. Immerhin ist das Obst- und Gemüseangebot einheimisch, gut und frisch, große, reife Papaya und reife Avocados eingeschlossen.

Wie amerikanisiert das Cabo ist, zeigt sich auch im Gespräch. Vor einer Lottoannahmestelle steht ein Mexikaner, den ich frage, wo man hier günstig Plünnen kaufen könne, wo er z.B. seine Kleidung kaufe. Ich frage auf Spanisch. Er antwortet in Englisch. Hola hermano, sag ich, ich red spanisch mit Dir! Er sieht mich Gringo völlig verdattert an, antwortet mit dem ersten Satz in Spanisch, fällt darauf sofort ins Englische zurück und bleibt konsequent dabei. Gringo ist eben Gringo und ein Gringo kann kein Spanisch.

Wir sind gestern gegen Mitternacht wieder unter Motor ausgelaufen, erst gegen 10 Uhr morgens können wir Segel setzen und den Motor abstellen. Und gleich darauf zeigen sich Bb voraus in etwa 100 m Entfernung die Rücken zweier riesiger Wale. Zwei kleine Exemplare, wohl Jungtiere von kaum neun Meter Länge und weißem Bauch, hatten uns vor der Bucht von Cabo San Lucas eine Weile begleitet; aber nun sind die Riesen da, blasen mit ihrem Atem Wasserfontänen in die Luft, winken uns beim Abtauchen mit der enormen Schwanzflosse.

Mir fällt dazu Marlene Dietrich ein. Gut, das ist etwas albern, but why not? Also:

"Beim ersten Wal tut es noch weh.
So schön ist's, dass mans kaum ertragen kann.
Doch Wal für Wal und peu à peu
Gewöhnt man sich daran."

Am Nachmittag gibt sich eine Delphinfamilie die Ehre, deren Mitglieder sich unter dem Bug abwechseln. Es sieht fast so aus, als wollten sie nicht mit uns spielen, sondern die Rückenflossen vorne am Kiel schubbern, so dicht schwimmen sie davor und darunter. Dann wird der Wind stärker, das Segeln hoch am Wind nun wirklich einmal zur Arbeit und zu einer ziemlichen Belastung für Mannschaft und Material. Gerade als Rolf ankündigt, Christoph wolle nun die Stagfock setzen und die Genua einholen, macht es Päng! und das Unterliek der Genua reißt.

An diesem Abend fällt das Abendessen aus. An Schlaf vor der Hundewache ist kaum zu denken, so hart knallt das Schiff in die Wellen. Dennoch falle ich in unruhige Träume, in denen es darum geht, ein älteres jüdisches Ehepaar vor Neonazis zu retten. Dann bin ich hellwach: durch die Lüfterhutze ist die See eingestiegen. Ein Schwall Wasser stürzt auf Chippie in der Koje über mir und von dort auf mich. Alles ist nass: Schlafsack und Matratze sind vom Kopfende bis auf Nabelhöhe völlig durchtränkt. Und die Bootsschuhe vor der Koje hat es auch erwischt.

Wenigstens trockene Unterwäsche zur Hundewache. Und die neuen mexicanischen Jeans, die nach einem Tag schon völlig ausgeleiert waren, über die andere Hose gezogen. Ölzeug darüber – so lässt sich die Kälte aushalten.

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