Berlin, den 30. Juno 1963

Berlin, den 30. Juno 1963

Liebes Mädchen!

Da sitze ich nun vor dem Radio auf einem Sessel und habe Flo's Schreibmaschine auf den Knien. Und weil ich Dir heute schon gesagt habe, daß ich Dich lieb habe, muß ich mir etwas anderes ausdenken. Ich werde also zuerst einmal von mir erzählen und dann noch was suchen, was ich Dir (außer von Ostberlin) noch erzählen könnte.

Die Genossen sind wieder einmal ausgeflogen ins Kino, sie sind sowieso kaum zuhause und kümmern sich auch nicht weiter um die Wohnung. Sie wohnen hier nicht eigentlich, sie schlafen hier nur und schließen sich zusammen etwas zu sehr ab. Das hat zur Folge, daß ich mich trotz Mitbewohner oft doch etwas einsam fühle und am Abend oder in der Nach hinauslaufe in Richtung Zonengrenze.

Hinter der Bahnlinie, die ganz dicht am Haus vorbeiführt, beginnt ja schon das Land und es gibt tatsächlich Perspektiven ohne Fabriken und Wohnblöcke wo der Eindruck von 'Natur' nahezu vollkommen ist: Roggenfelder, Obstgärten und Eichen, verlotterte Zäune, verfilzte Hecken und Gartenhäuser, die ganz mit dem Jasmin verwachsen sind. Und Wege, mit ausgefahrenen Geleisen, Sand in denen die Profile der Reifen eingedrückt sind und schwarze Wasserpfützen, die sich darin ansammeln. In der Mitte steht das Gras ziemlich grün und fett, fast ungeknickt.

Es ist sehr schön. Du kannst abends durch Wiesen und Roggen gehn, Du fühlst das weiche Gras unter den Sohlen und die Halme scheuern sich an den Kleidern. Dann ist auch der Himmel ganz oben sehr blau und nur die Ränder, die zum Horizont herunterhängen sind ausgewaschen fahlblau und mit Wolkenflecken besetzt. Es wäre eigentlich eine Stimmung um Gedichte zu machen, wenn ich nicht zu feige wäre, es nocheinmal zu versuchen. Aber es käme ja doch nur ein Heine-Aufguß zustande. Wiesen und Felder und dahinter die Befestigungen der Grenze und ab und zu das dumpfe Bumsen der Amis, die ihre Geschütze und Granatwerfer ausprobieren. So verbindet sich hier Technik und Natur und ergibt ein manchmal etwas desperates Ganzes, das einen müde macht. Wie melancholisch wirkt doch ein S-Bahn Geleise, das verrostet inmitten gelber Blumen liegt, über das schon die Hecken wachsen, wo sich die Wurzeln in die Mechanik der Weichen drängen: Hohn der menschlichen Erfindungsgabe und nicht wieder Natur, das eine zerstört das andere und wird von ihm zerstört. Du kannst die Hebel noch umlegen und die Wurzeln zerdrücken.

Gleich neben der S-Bahn liegt ein Garten und seine Hecken sind aus Himbeer. Sie schmecken wie aus Dosen, etwas wässrig, verschrumpelt; wenn Du in die Hecke brichst, trittst Du auf verrostete Töpfe und verrottete Matratzen.

Man kommt sich unwillkürlich manchmal so vor, wie ein stillgelegtes S-Bahn Geleis auf den keine Züge mehr zum Andern fahren. Vielleicht hätt ich mich doch mehr um einen Freundeskreis bemühen müssen. Die alten aber sind langweilig geworden oder sie sind zu weit entfernt, als saß man zu ihnen ginge um mit ihnen zu sprechen. Das fehlt einem dann doch, so eine kleine Ansprache, wenn man das, was man in sich aufnimmt, nicht wieder jemandem weitergeben kann: was man erlebt wird dann tot, entrückt in Bezirke der Erinnerung, wo sich an die einstmals so frische und schöne Entdeckung kein Gefühl mehr bindet, wo das Spontane verloren geht und einsinkt in ein greisenhaften Dämmern, verrostet und von Schweigen überwuchert wird! Man kann das Reden so leicht verlernen, man sollte es kaum glauben. Das ist dumm, wenn man nicht reden kann, ohne etwas von sich weg zu geben und redet und die Resonanz nicht fühlt: es ist, als laufe man gegen die Grenzbefestigungen und starre durch die Schießscharten. Es ist etwas Bösartiges und Feindseliges im Schweigen.

Und damit käme ich eigentlich schon zum Chruschtschew-Besuch in Ostberlin. Ich bin gegen 10 Uhr in der Friedrichstraße angekommen und stellte mich als braver Bürger zunächst einmal hinten an die Schlange an, ich kann Dir sagen, das war reinste Schikane, die Genossen taten aber auch gar nichts anderes als die Leuten in Reih und Glied aufstellen, zurückzudrängen und dann zu verschwinden. Als ich eine Stunde gewartet hatte wurde es mit zu dumm und ich schloß mich einigen großen Kollegen an, die mit Einladungstelegrammen zum Staatsbesuch gesegnet waren. Ich gab mit meinem Personalausweis neinen NOTIZEN-Auswein ab und siehe da: es ging ganz schnell. Man unterstrich die Nummer mit Rotstift, das hieß: bevorzugt abfertigen. Immerhin kam ich so schon um 12 Uhr über die Grenze, während andere bis über drei Stunden in der schwitzenden Masse ihren Geist Stückchen für Stückchen aushauchten.

Ein Kollege von 'Blick'(Du kennst doch die Affäre mit dem toten Pabst), der stellvertretende Chefredakteur, wartete mit mir und wir unterhielten uns recht wacker. Dann versuchte ich über den polnischen Pavillon Andrzej zu erreichen, aber man sagte mir, er habe sich nicht blicken lassen. Später erfuhr ich von den Leuten des Ostberliner Fernsehens, die schon vor dem roten Rathaus Aufstellung genommen hatten, daß Sendung von Andrzej diesmal aus Rostock gekommen sei, er war offenbar nur ganz kurz in Berlin gewesen. Und die Genossen verwiesen mich nach Schöneweide, wo der Aufnahmeleiter der "Brücke" sitze. Also fuhr ich hinaus um mich zu erkundigen, aber der Mensch war nicht dort. Dafür begannen die ersten und linientreusten Kollegen von den Betriebskampfgruppen gerade Aufstellung zu nehmen. Die meisten Berliner aber schienen desinteresiert, sie liefen bis kurs vorher noch herum, einkaufen, Besuche machen und was man eben mit einen unverhofft halben freien Tag anfängt. Die Sonne war verdammt heiß am Himmel und die VoPo's, die zwei Meter breite Lücken zum Zusehen ließen, schwitzten vor sich hin. Gegen drei Uhr kamen dann die Belegschaften der Kindergärten und Schulen mit roten Tereschkowa- Fähnchen, Luftballons und stellten sich vor die Wostok-Atrappe, die ich schon von ersten Mai her kannte. Neben mir stand ein junger Mann, der mir erzähle, daß die Brigaden gemeinsam an dem Empfang teilnähmen und daß es nicht ich nicht ungefährlich sei, der Aufforderungen der Genonsen nich zu folgen. Als seine Frau dann aber kam und ihn seine Arbeitskollegen lange genug gesehen hatten, verschwand er. Er machte einen recht netten Eindruck und schwärmte mir vom Kennedy-day vor, den er im Fernsehen folgt hatte, aber nicht bevor er mit dem berühmten deutschen Blick über die Achsel auf einen älteren Macker im FDJ-Hend gelinst und die Stimme gesenkt hatte.

Ich drängte mich dann, als der Verkehr stillgelegt worden Straßenmitte auf die Straßenbahngeleise und stand da ganz gut. Gegen drei Uhr begann es interessant zu werden, nachdem man vorher über die Lautsprecher die Ansprache Ulbrichts nur immer verstümmelt vom Straßenlärm vernommen hatte -- es lohnte sich auch nicht und ich sah keinen Menschen der etwa aufmerksam zugehört hätte, während doch beim Kennedy-day sogar in den Bussen die Transistorenradios immer auf größte Lautstärke getrimmt waren, auf daß kein Augenblick verloren ginge. Kurz nach drei kamen die ersten Wagen vorbeigebraust, so etwa mit dreißig. Da stand also Walterchen in der ganzen Pracht seiner 70 Funktionärsjährchen, im hellen Anzug mit dunkler Kravatte, sauber gestutzten Bart und einem stereotypen Lächeln, das ebeno kalt war, wie das Funkeln seiner randlosen Brille. Daneben Nikita Sergejewitsch Chrutschtschew, in dunklen Anzug, klein und korpolent und hellbraun in Gesicht, gesund und einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, sowie einer dezenten Ordensschnalle auf dem Jakett. Er wirkte sehr landesväterlich und strahlte das aus, was man an Ulbricht vermißte: souveräne Gelassenheit und Zuversicht. Er ist schon eindrucksvoll und bedeutend gewinnender als auf den Bildern, die man von ihm sieht, man könnte vielleicht sogar sagen, daß er einen gewissen Charme ausstrahlt: Volksführer und nicht kalter Funktionär.

Neben mit standen zwei Halbstarke und murmelten immer Ken-ne-dy, Ken-ne- dy. Nur die Genossen von FDGB schwenkten Hanner-und-Sichel- und Spalter-Fahnen. Aber selbst die schwenkten nur solange, bis ER vorbei war. Kurz danach, ohne daß sie die Vorbeifahrt der Minister und Diplomaten abgewartet hatten -- die übrigens meist in verhängten Limusinen vorbeihuschten -- strömte alles weg. Ich sah noch die Chruschtschowa, die sich winkend aus den Wagen beugte und sehr nett aussah, wie eine norddeutsche Pastorentochter, die in die Hochfinanz geheiratet hat: einfach, aber gepflegt und sehr natürlich.

Ich reihte mich in den Strom der Abgehenden ein und fuhr mit einem beinahe leeren S-Bahn-Zug in Richtung Alex, wo Mr. K seine Rede halten sollte. Als ich dort ankam, war gerade die erste Wagenkolonne schon vorgefahren und das Volk strömte vehement zurück zu den Kochtöpfen, es war nicht ganz einfach, sich den Weg zum Rathaus zu bahnen, man drängelte rücksichtslos zu den Zügen.

Ich schaffte es gerade noch um den Jungen Ebert, der bei denen den Oberbürgermeister markiert (ein feister dummdreister Kerl, der wahrscheinlich nicht einmal richtig lesen kann) die Begrüßungsansprache reden zu hören. Sie war fade. Dann kam Mr. K. und redete kurz, nein, erst noch jemand andres, aber nicht Walterchen. Unten vor den Rathaus brüllte die FDJ in Sprechchören Drusch-ba und Chruscht-schew und das Volk winkte und ab und zu und freute sich offenbar, daß ihm die Last des Jubelns abgenommen wurde. Chruschtschew selbst war nicht besonders gut, er machte nur ein Witzchen und feierte dann die UdssR und ihre Erfolge in Weltraum. Immer wenn er die Tereschkowa feierte, kam so etwas wie Anteilnahme in Publikum auf, sonst verhielt sich passiv und nahm gerne die Möglichkeit wahr, sich von einer umgesunkenen Schönen ablenken zu lassen.

Während Chruschtschew ans Mikrophon trat und sagte, es kämen ja jetzt sehr viele Leute nach Berlin, aber es käme darauf an, was sie im Gepäck mitbrächten, begann es furchtbar zu donnern und zu blitzen, die roten Fahnen schienen sich träge gegen die Last der Schwülle zu stemmen und sanken dann schlaff zusammen.

Auch hier rannte alles weg, kaum war Mr. K mit seinem speech zuende. Auch ich begab mich eilenden Schrittes in Richtung Friedrichstraße, wurde allerdings unterwegs noch von Unwetter eingeholt. Es begann exakt in den Augenblick loszubrechen, als K. die "Strecke des Triumphes" (ND) fortsetzte und die Leute flüchteten sich überall anderswo hin, nur nicht an den Straßenrand, sodaß dieser aussah wie ein Tannenbaun an 1. Januar, etwas schäbig und schmutzig in seiner welken Pracht.

Dann aber erhob sich ein sozialistischer Sturm, der mir den Dreck von den Straßen in die Augen, in den Mund und in das geöffnete Hemd trieb, sodaß ich mich am Abend waschen mußte und bein Essen immer noch auf Dreck kaute. Die ganzen Westdeutschen und es war eine ganze Masse, hatten sich in die Abfertigungshalle geflüchtet und standen in einer immens engen Schlange vor den Tischen. Obwohl ich zuerst noch etwas zu mir nahm und etwa eine Stunde wartete, bis ich mich anstellte, nahm diese Schlange nicht ab, ich stand zweieinhalb Stunden in qualvoller Enge, mein Kreuz schmerzte höllisch, der Schweiß rann mir in Bächen durch den Po in die Socken hinunter und meine Laune war entsprechend. Ich machte mir in unflätigem Geschimpfe Luft und brüllte immer Idioten und schikanöse Saubande und sozialistischer Wettbewerb nach vorn, aber die hatten die Ruhe weg, sie fertigte in der Minute vielleicht einen halben Menschen ab und das ist wenig. Es standen Afrikaner und Japaner da, die filmten die fluchende Schlange. Es war schon recht gut so. Ich hab eine solche Wut auf die Affen, daß ich bestimmt kein Geld mehr in ihre Intershop-Kioske mehr trage. Wenn ich dort etwas kaufe, dann nur mit Schwindelkurs auf Zigaretten-Basis.

Tja, da hat also das Papier doch nicht ganz gereicht und ich werde eben noch schreiben müssen, obwohl ich ausgebrannt bin, nach Bier dürste und noch einige Seiten Referat tippen wollte. Aber so geht eben.

Ich glaube, ich muß Dir noch zum Geburtstag gratulieren, so in aller Form. Ich bedaure nur, daß ich nicht mit Dir im Museum feiern kann, bei Reistopf nach Art des Hauses und nachher in irgend eine kleine Pinte oder nach Schwärzloch hinaus (haben die nicht am Montag zu?), oder auf die Rosenau. Schade, die alten Freunde sind ja nicht mehr zugänglich, entweder, daß sie fortgezogen sind oder daß sie sich so verändert haben, daß man die Gemeinschaft nicht mehr unbedingt sucht.

Übrigens hat mir Saupe einen recht netten und versöhnlich wirkenden. Brief geschrieben, der allerdings eine meiner Befürchtungen bestätigte.

Er meint natürlich, daß die Angelegenheit auf Gegenseitigkeit beruht und so, wie ich Dich kenne, hat er bestimmt nicht unrecht. Du bist eben manchmal sehr unbescheiden und vorlaut, ich hätte allerdings nicht gedacht, daß er, Saupe, so mimosenhaft sei, wo er doch mit Vorliebe Genickschläge austeilt. Sieh da, er ist also tiefst verletzt gewesen. Bitte paß ein bißchen auf auf Dich und versuch Dich etwas zurück zu halten, nachdem ich nicht mehr da bin und unmittelbare Folgen wie bei Jochen damals ausblügeln kann. Blöd, was, wie wir uns gegenseitig aus der Patsche helfen? Bzw. halfen? Bitte versuch, etwas Distanz zwischen Dich und die anderen zu legen, ohne daß Du den Verkehr abbrichst, das wäre nicht gut. Ich glaube, wir waren einfach zu intim miteinander, daß wir unsere Fehler alle so gut kennen, daß wir uns immer dort verletzen, wo es am schmerzlichsten ist. Und dabei, das ist der Witz der Geschichte, immer meinen, wir hülfen uns, diese Fehler zu erkennen und zu überwinden. Der Wunsch nach einem wirklichen freundschaftlichen Verhältnis ließ uns unser ganzes Ich selbstvergessen in die Pfanne schlagen, nur des Gefühles willen, damit seien wir, in der Selbstverleugnung, am offensten für den Andern. Ich glaube eher, daß es ein Wettbewerb der nicht erkannten egoistischen Überheblichkeit war; die perfekteste Intimität sollte uns in den Mittelpunkt stellen.

Aber so wollte ich ja nicht aufhören, aber ist schon spät, ich werde den Brief einmal wieder unkorrigiert zur Post bringen müssen. Behalt mich, trotz dieser blöden Schreibe, ein bißchen lieb, so wie ich Dich lieb habe und mich nach Dir sehne.

Mein Körper ist in verheerenden Zustand, aber ich freue mich, daß es der Deine auch war. Das ist gut so. [...]

Viele Bussi und auf Wiedersehen im Traum. Dolfi