Uralte Lehrer und eine gelbe Krawatte

Ich sehe mich auf dem Schulweg. Es ist Sommer. Ich gehe, barfuss und in kurzen Lederhosen, die Wilhelmstrasse entlang. Aus einem Keller, der mit schmalen Luken zum Bürgersteig hin entlüftet, strömt ein kalter Hauch um die nackten Beine. Das wiederholt sich in der Kirchgasse und treibt den Harn in die Blase. Zum Pinkeln an die Linde oder den Sockel des Bismarckdenkmals oder in einer der Ecken der Amanduskirche klappte man halt den Latz der Lederhose herunter, der mit zwei dicken Hornknöpfen befestigt war.

Nun aber werden die zunächst rauen Lederhosen im Gebrauch nicht nur glatt sondern auch härter und man konnte diesen Prozess dadurch beschleunigen, dass man an ihnen die fettigen Finger ab­putzt und im Wald auf dem Hosenboden die Hänge hinunterrutscht. Die Produktion dieser Patina war ein hochwillkommener Prozess der Aneignung und Individualisierung dieses Bekleidungsstücks und nur die älteren Knaben in einer Familie hatten überhaupt die Chance dazu, denn die Hosen wurden an die jüngeren Geschwister oder Vettern weitervererbt. Die mussten die fremde Patina weiter tragen. Mit der Härtung des Leders wurde es aber zunehmend schwieriger, die Knöpfe zu öffnen. Wir übten, ohne den Hosenlatz aufzuknöpfen und das „Spitzle“ herauszuholen, zwischen Oberschenkel und Lederhosenbein herauszupinkeln. Das geht, wenn man die Hände in die Taschen steckt, damit die Hose in die richtige Position dreht und das kleine Gemächt in eine propere Lage schüttelt.

Damit konnte man sich dann dicke machen.

Es gehörte zu den Riten, die den Rang in den Gruppen- und Altershierarchien sicherten, wie auch die Kämpfe, die wir Jungen untereinander austrugen. Wir prügelten uns ziemlich heftig, aber es gab Regeln, an die man sich halten sollte: nicht zwei gegen einen, nicht auf (eindeutig) Schwächere, nicht treten. Da ich klein und schmächtig war, bestand meine Chance dabei nur in Schnelligkeit. Auch wenn ich kein Angsthase war, ein „Ritter von Straub“ konnte schon seines Namens wegen nicht einfach kneifen, ging ich doch gelegentlich auf Umwegen zur Schule, um einem stärkeren Feind aus dem Weg zu gehen.

Von der Grundschule ist mir wenig in Erinnerung, was mit dem Unterricht zu tun hätte. Der älteste visuelle Eindruck ist der: gegenüber dem großen Fachwerkgebäude der düstere Spital-Bau, hingeduckt unter dem riesigen Dach mit den vielen Geschossen, die man an den winzigen Gauben hätte abzählen können. Wieviele „Bühnen“ hier übereinander gepackt worden waren und was sie verbargen – ich weiß es nicht. Aber im Erdgeschoss war ein Klassenraum, dessen Decke auf mehreren (gusseisernen?) Säulen ruhte. Du musst Dir darin eine Schulklasse von ABC-Schützen mit ungefähr 65 Kindern vorstellen. In meiner Erinnerung waren wir eine reine Jungenklasse, diese Erinnerung schwankt jedoch. Genau erinnere ich mich aber daran, dass außer mir sechs weitere Knaben Adolf gerufen wurden.

Wir waren wie alle Kinder in diesem Alter, unaufmerksam, unruhig, maßen unsere Kräfte und wir Jungs ärgerten die Mädchen auf dem Schulhof, wenn wir uns nicht gerade untereinander „Kämpfle“ lieferten. Lehrer Ilg wusste sich im Unterricht nicht anders zu helfen, als uns mit dem Rohrstock einzuschüchtern, aber der war nur eine Haselgerte, mit der er durch die Luft fuchtelte und auf das Pult schlug, um uns ruhig zu halten und uns über die Hand hieb, wenn wir etwas ausgefressen hatten. Man nannte das „Tatze“ und es tat sehr weh, manchmal mehr als die „Hosenspannede“, zu deren Behuf man über das Pult gelegt wurde. Den Arsch versohlen war entehrender als die Tatzen und ich glaube heute noch sicher, dass diese Strafe deshalb auch eher an Kindern der ärmeren Schichten vollzogen wurde. Zu denen gehörten auch die Flüchtlinge.

Lehrer Ilg erschien mir uralt. Heute vermute ich, dass sich mit der Zeit die konkrete Besinnung auf ihn mit dem Bild von Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel vermischt und die negativen Erfahrungen mit ebenso autoritären wie wenig souveränen Lehrern, unter denen ich bis zum Abitur litt, die Erinner­ung auch an die ersten Schuljahre überschattet haben. Dabei sollte mir dieser Lehrer so fremd nicht gewesen sein. Sein Haus grenzte an das riesige Villengrundstück meines Großvaters. In weiterem Sinn waren wir damals also Nachbarn. Und als wir unser eigenes Haus genau dahinter an die Stelle von Großvaters Hühnerstall bauten, wurden wir es sogar direkt. Dennoch weiß ich bis heute kaum etwas über ihn. Lange dachte ich zum Beispiel, Ilg sei damals schon an der Pensionierungsgrenze gestanden oder man hätte ihn sogar nach der Pensionierung zurück geholt, weil im Krieg so viele Lehrer tot geschossen worden oder in Gefangenschaft geraten waren. Aber wenn ich nachrechne, dann war er damals noch lange keine sechzig.

Ilg war wohl schon im ersten Weltkrieg Soldat gewesen, im zweiten vermutlich nur beim „Volks­sturm“ oder in der Schreibstube und er machte, scheint mir im Rückblick, zwischen Militär und Schu­le wenig Unterschied, ein bitterer, grauer und dürrer Pauker in dunklem Anzug, ohne den Hauch eines Verständnisses für das, was Kinder zu Kindern macht. Erst ein paar Jahre später, da ging ich schon in die Oberschule, tauchte der erste Junglehrer auf, der nach der Nazizeit das Lehrerseminar absolviert hatte. Auch er hatte den zweiten Weltkrieg hinter sich, schien aber noch einmal seine geklaute Jugend nachzuholen, spielte mit den Buben und tollte mit ihnen herum, sprang sogar im Dettinger Freibad vom Dreimeterbrett, was mir als eine unzulässige Grenzüberschreitung erschien. Sich so anzubiedern. Das hatte ein Lehrer nicht zu tun, ja wo kommen wir da hin!

In der Oberschule traktierten uns abgekämpfte „späte Mädchen“, deren Bräutigame gefallen waren oder die gar keinen mehr bekommen hatten, denn in ihren Jahrgängen waren nur wenige Männer übrig geblieben und davon nur einige unbeschädigt aus den Kriegsgefangenenlagern zurück ge­kommen. Sie wurden mit „Fräulein“ angesprochen, gaben Französisch und Englisch und neigten zu Nervenzusammenbrüchen. Was blieb ihnen denn auch übrig an Leben in diesem bigotten Land­strich: Pietistische Hysterie oder/und Masturbation – eine andere Chance hatten sie kaum. Da hätten sie sich schon mit den französischen Soldaten, „den Besatzern“ einlassen müssen… Wir lümmelten uns vor ihnen in den Bänken, eine ständige Erinnerung an ihre ungelebten Nächte und ein dauern­der Vorwurf, dass sie ihre natürliche Bestimmung als Frau und Mutter nicht erfüllt hatten. Ich denke, einige hassten uns dafür.

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Adornos Spruch bringt alles, was ich damals ahnte, aber nicht wusste, auf den Begriff, der mir fehlte. Diesen Satz hätte man mir damals beibringen sollen, statt der ganzen verlogenen Nazischeiße, dem ebenso verlogenen aphoristischen Innerlichkeits­saich, einschließlich Rabindranath Tagore, von dem ich einen Spruch zum 14 Geburtstag mit auf den Weg bekam, bei der Männlichkeitsfeier, die mir als Ungetauften von der Sippe anstelle der Konfirmation in Großvaters Villa ausgerichtet wurde.

In der Kantine fragten heute Kollegen vom Naturschutz, was ich eigentlich so mache. Ich berichtete wahrheitsgemäß: zurzeit wenig. Beziehungsweise, dass ich heute in der „taz“ einen Artikel über Thomas Wolfe gelesen habe, verziert von einem Foto des 68jährigen Schriftstellers als Dandy. Irgendwann hatte ich anfangs der 70er angefangen, „Das tangerinebonbonfarbene Stromlinienbaby“ zu lesen und fand diese Essays ziemlich gemacht, unecht und aufgedonnert langweilig. Ich brach die Lektüre ab und fragte mich, was an diesem Autor dran sein sollte. Jetzt, bei dem Artikel und dem Bild, assoziierte ich spontan einen modernistischen Vikar der evangelischen Kirche in Urach, fast 50 Jahre ist das her. Der war so richtig flott und auf der Höhe der Zeit und der kämpfte dann auch ganz aufgedonnert für das Gute und dann wars doch bloß gegen „Schmutz und Schund“. Für die Kirchen-Jugendlichen war er eine große Nummer und für die Alten der Gemeinde eine Zumutung. Er trug nämlich eine gelbe Krawatte. „Stellen Sie sich vor: eine g-e-l-b-e- Krawatte. Ich bitte Sie! Ein Pfarrer, eine g-e-l-b-e- Krawatte! Gell, das kann man doch nicht machen. Als Pfarrer!“

Ich ließ mich damals von Freunden verleiten, bei einem winterlichen Geländespiel der christlichen Pfadfinder auf der Seite des Schlechten mitzuwirken, wo sonst, als Ungläubiger konnte und wollte ich auch gar nicht anders. Meine Aufgabe sollte es sein, „Schundheftchen“ in die Ruine Hohenurach zu bringen, die Burg der Guten, in die man in dieser Jahreszeit kaum ungesehen und – ohne Gefahr an Leib und Leben – nur an wenigen, leicht zu verteidigenden Stellen oder durch das Tor reinkam.

Das war grob unfair. Ich war der Ansicht, dass es das Gute auf dieser Welt nicht so einfach haben konnte und das Schlechte nicht so blöd sein, in die offensichtliche Falle zu gehen. Warum sollte das unchristlich Böse auch dümmer sein als ich selbst? Also erkundete ich das Gelände am Tag vorher, suchte nach einer Stelle an der Burgmauer, an der die „Guten“ keinen Angriff erwarten würden und präparierte sie mit einer langen Schnur. Ich schlich anderntags, von einem weißen Tuch getarnt, das ich als Schneejacke nutzte, ungesehen über die Vorwerke, band die Heftchen an die Schnur, wurde, wie erwartet, beim Eindringen an anderer Stelle überwältigt und durchsucht. Man fand keine contrebande und ließ mich frei. „Schmutz und Schund“, das „Schlechte“ also beförderte ich danach gemütlich am Faden in die Burg des „Guten“. Da war es nun doch eingedrungen und konnte sein grässliches Zerstörungswerk in den jungen Seelen beginnen.

Der Vikar war beleidigt und ließ die List nicht gelten. Ohne Erklärung und ohne Diskussion. Das Schlechte hatte dumm zu sein. Wie wenig er das Diabolische kannte. Und dabei hätte doch gerade er darin Spezialist sein müssen.

Ich hatte für die Heftchen absolut nichts übrig und verachtete ihre Leser, ziemlich von oben herab, als dummen Plebs. Die Geschichten waren mir zu „billig“ erzählt, zu fern der Realität und für die Ästhetik der groben Bildchen hatte ich nichts übrig. Ich weiß nicht, ob ich die moralischen Bedenken der Kleinbürger gegen sie teilte, denke aber, da ich schon früh eher zum Sarkasmus und zu Ironie neigte, vermutlich nicht. Vielleicht erinnerte mich die argumentationslose christlich-moralische Erre­gung auch an die Verhaltensmuster meines Vaters wenn er gegen den Jazz, die moderne Malerei und auf die Demokratie schimpfte. Die christlich-moralische und die faschistische Erregung schienen mir strukturell gleich. Mein Vater empörte sich, urteilte über Sachverhalte, die genauer wahrzunehmen er sich weigerte, hatte deshalb auch keine Argumente und brach Diskussionen mit der Be­gründung ab, davon verstünde sein Gegenüber eben nichts. Auch der Vikar wollte ungestört inner­halb seiner Wahrheit bleiben. Die angebliche Offenheit, seine Jugendtümlichkeit und „Modernität“ waren nur eine Kostümierung der autoritären Selbstgerechtigkeit, die für mich bis heute Kennzei­chen der Restauration der Adenauerzeit geblieben ist.

Ich bin nie wieder zu den Pfadfindern gegangen, meine Schulfreunde konnten den Kerl so „toll“ finden, wie sie wollten.

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