Die Nacht, in der wir Hitler begruben.

Im Wohnzimmer über dem Sofa hing der Führer in Öl. Irgendwie gehörte er für mich zur Familie, so selbstverständlich wie mein Kaninchen dazugehörte. Zu dieser Zeit gab es nicht nur die Pro­paganda gegen die Kriegsgegner „Pst! Feind hört mit!“ oder die Feindsender, die Dolly Karbula im Stockwerk über uns hörte, aber die war gebürtige Engländerin und die schminkte sich sogar, sondern auch gegen die frierende Bevölkerung, die sich die fehlende Heizenergie aus den Güterzügen klaute. Mein Kaninchen hieß wie die Figur des schwarzen „Kohlenklau“ auf den Plakaten, die wohl auch in Seewalchen hingen, obwohl dieser Ort gar keinen Bahnanschluss besitzt. Ich erinnere mich daran ganz genau.

Hitler blickte entschieden väterlich auf uns herab. Meine Schwester nahm morgens Aufstellung vor dem Sofa und sagte „guten Morgen Führer, ich bin schon aufgewacht!“ Sie ging schon zur Schule und war sehr pflichtbewusst. Ich kann mich dagegen nicht erinnern, dass ich ein beson­deres Verhältnis zum Führerbild hatte. Kohlenklau stand mir näher, obwohl klar war, dass er eines Tages geschlachtet werden und ich ihn mit etwas Trauer und viel Appetit mitessen würde.

Der Führer war mir wohl so fern wie mein Vater, den es jahrelang auch nur als Bild gab oder als Schatten, den die Erinnerung heraufbeschwören musste. Nur einmal war er leibhaftig da, auf Fronturlaub und brachte mir einen Teddy mit. Obwohl der aus Belgien stammte wurde er „Gulaschbär“ genannt. Aber er war halt mopperlrund und für uns Oberösterreicher konnte das nur daran liegen, dass er im Überfluss besaß, was wir damals doch etwas entbehrten: Fleisch. Gulaschbär eroberte mein Herz im Nu und mein Vater versohlte mich, was mein Verhältnis zu ihm nicht inniger gestaltete. Ich war auf seinen Koffer geklettert, der war aus Sperrholz geformt, das wundervoll federte, bevor es schnöde brach… Insofern war mir mein Vater doch näher als Hitler, der sich nur in sehr allgemeiner Weise um die deutsche Mutter und das deutsche Volk an sich kümmerte und im Übrigen gütig ins Wohnzimmer heruntersah.

Irgendwann begannen die Fliegeralarme, als die Amis von Italien aus zur Bombardierung der mitteldeutschen Industriezentren oder auf Linz flogen. Auf dem Rückweg warfen sie die restlichen Bomben in die Dörfer oder den Attersee. Ein Blindgänger landete unten am Hang unseres Gar­tens. Wir warteten die Fliegeralarme sicherheitshalber im Keller ab. Dann wurde der Landsturm aktiviert, die Veteranen des ersten Weltkrieges, sie sollten die Russen aufhalten, die von Osten her anrückten, aber unter den alten Männern oder im Dorf war nichts von der heldenhaften Stimmung zu spüren, wie ich sie aus den Bilderbüchern kannte. Eines hieß „Teddy zieht in den Krieg“ – Hurra! Hurra! – und der Gulaschbär bekam auch so einen malerischen Kopfverband, wie der siegreiche Teddy im Buch.

Die Erwachsenen sprachen viel über die Russen. Und trafen Vorsorge. Meine Mutter vergrub eine Flasche Schnaps unter den Kohlen im Keller. Das kam mir seltsam vor, die wurde doch ganz schmutzig dabei.

Dann kamen die Russen. Sie trugen die Uniform der SS und sie waren die SS, eine Gruppe weißrussischer oder ukrainischer SS, die sich nach Westen durchschlagen wollte, um sich den Amerikanern zu ergeben. Sie quartierten sich für einen halben Tag und eine ganze Nacht bei uns im Wohnzimmer ein, worüber meine Mutter wenig erbaut war. Ich dagegen staunte sie bewun­dernd an: sie sprachen seltsam und lärmten, waren waffenbehängt, trugen glänzend gewichste Lederkoppel und Stiefel und im Stiefel den zweiseitig geschliffenen Dolch, mit dem sie die Fleischbüchsen aufsäbelten, das Fleisch darin schnitten und auf dessen Spitze sie mir, zum Entsetzen meiner Mutter, Stücke davon in den Mund schoben. Sie zog mich aus dem Wohnzimmer.

Am nächsten Tag verschwanden die SS-Leute im Morgengrauen in Richtung Salzburg. Sie wussten, was sie von der Roten Armee erwartete. Und sie entgingen dem nicht: die Amerikaner lieferten sie ihren Alliierten aus und die Russen hängten sie ohne Umstand auf. Doch davon, und dass diese SS-Freiwilligen zu den fanatischsten und grausamsten Exemplaren der Rasse der Herrenmenschen zählten, hörte ich erst viel später. Damals trat mit diesem halben Dutzend verwegener junger Männer zum ersten Mal, erregend und faszinierend, das Fremde in mein Leben. Es ist ein dialektischer Scherz: ausgerechnet die Mördertruppe einer autistischen Ideologie weckte mein Interesse für das Exotische, das mich seitdem zu ausschweifender Lektüre, zu nicht ganz gewöhnlichen Reisen, zu Studien vor Ort und zum Spracherwerb verführt und dazu gebracht hat, gesellschaftliche Machtverhältnisse mit Zorn und die menschliche Natur mit Nachsicht zu betrachten.

Allerdings kamen kurz darauf die Amis. Und sie passierten unseren Garten auf dem Weg zum Gasthof, der ihnen als Kantine diente: auch sie Exoten, die schwarzen GI’s vor allem, aber auch der gerechte „Redhair“, der solange Süßigkeiten sammelte, bis er allen Kindern gleich viel abge­ben konnte.

Ich weiß nicht, ob der Führer meiner Fütterung durch seine SS noch zugesehen hat oder ob sein Bild schon zu dieser Zeit durch ein anderes ersetzt worden war. Denn durch Seewalchen und an Seewalchen vorbei zogen schon länger vereinzelt Flüchtlinge, Familien und auch versprengte Soldaten nach Westen, wie der junge Deutschchilene, der für Hitler gekämpft hatte und bei uns Zivilkleidung erhielt und die Volksgenossen des Dorfes bereiteten sich, aufgestört und wohl auch verängstigt durch deren Berichte, auf die Besatzung vor. Meine Mutter, die BDM-Führerin, hatte den Glauben an den Endsieg schon nach dem Fall Stalingrads verloren und als sich nun die politische Ordnung auflöste und keine Führung mehr war, war auch der Führer überflüssig ge­worden. Sie beschloss, ihn zusammen mit anderen Ehrenzeichen der NSDAP zu beerdigen.

Erinnerung an frühe Kindheitstage ist oft vage. Gehörtes, Gesehenes vermischen sich mit anderswie Erlebtem. Bilder und erinnerte Gefühle gewinnen ihre Farbe aus späteren Eindrücken und nähren sich aus späteren Erkenntnissen. Ich bin mir daher nicht wirklich sicher, ob ich dabei war, als Hitler begraben wurde. Das Archiv der Bilder und Gefühle gibt keine genaue Auskunft: Keine Schaufel gräbt im Wald das Loch in dieser Nacht, kein Nachtvogel fliegt auf, kein Zweig knackt und erschreckt mich und dennoch habe ich eine Art topografischer Vorstellung: von der Strasse nach Litzlberg Keller, vom Waldweg, der am Hang entlangt geht und von dem nur ein paar Schritte rechts unter die Fichten zu Hitlers Grab führen.

Unterhalb der Kirche von Seewalchen zur Bucht hin, um die dort die Strasse in einem weiten Bogen schwingt, bevor der Wald dichter ans Ufer rückt, dehnten sich Felder und Wiesen. Heute liegt in dieser flachen Mulde ein liebloser Schulkomplex, eingebettet in eine kleine, belanglose Siedlung. Wir kamen hier oft vorbei, wenn wir die beiden Handel-Schwestern besuchten, die hinter Litzlberg Keller auf der Halbinsel ein großes Haus bewohnten, Dalmatiner züchteten und in deren Bootshaus am Ufer ein klappriger Kahn schwamm, von dem wir uns fernhalten mussten.

Der Weg zu unseren Nenn-Tanten und zurück ist in meiner Erinnerung immer ein Sommeraus­flug. Mein kleiner Bruder liegt im bauchigen, geflochtenen Kinderwagen, Mutter diktiert mit ihrem BDM-Schritt die Marschtabelle. Auf dem Rückweg ist der hohe Himmel ausgestirnt. So müssten wir auch marschiert sein zum Begräbnis des Führers, Adolf Hitler aufgebahrt unter der piss­feuchten Matratze eines Kleinkindes, um hastig und grußlos im Waldboden verscharrt zu werden.

Auf dem Rückweg von dieser Beerdigung leuchten wieder die Sterne in der Kühle der Nacht. Aus den Wiesen unterhalb der Kirche beginnen die Abendnebel zu steigen und wir singen nicht etwa „Hohe Nacht der klaren Sterne“ des Nazidichters Baumann, sondern „Der Mond ist aufgegan­gen“, alle Strophen, und obwohl wir zuhause selbst zu Weihnachten vermieden, vom himmli­schen Personal zu singen, hofften wir nun mit Matthias Claudius, Gott möge uns mit Strafen ver­schonen und unsere kranken Nachbarn gut schlafen lassen. Unsere Nachbarn waren zwar alle gesund, vor allem die grantige Frau Hinterholzer vom Laden nebenan, die uns Kinder immer aus­zankte und der ich lieber die Krätze an den Leib als einen guten Schlaf gewünscht hätte und außerdem hatte ich doch gar nichts angestellt. Weshalb sollte ich also bestraft werden? War es denn böse, dass wir den Führer verscharrt hatten?

Eine andere Strophe deutete eine Antwort an. Sie war mir am liebsten, weil sie ein Geheimnis zu enthalten schien, das ich nicht ganz begriff:

„Siehst Du den Mond dort stehen,
er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsere Augen sie nicht sehn.“

Diese Verse spendeten damit zugleich Trost und weil der Trost erst nach den Strafen kam und kommen konnte, singe ich diese Strophe, seit wir den Führer begraben haben, immer als letzte. Und wenn ich heute mit meinen Kindern oder nur so in Gedanken Matthias Claudius singe, kommt es mir so vor, als verdankte ich dieses wunderbare Lied auf sehr vertrackte Art und Weise nicht nur ihm, sondern zugleich auch Adolf Hitler.

Aber da entwischt mir gerade mein Lieblingskaninchen. Und nun fängt auch noch der Flieger­alarm an. „Kohlenklau“ hoppelt auf die Beerensträucher zu, die den Küchengarten zum Wiesen­hang abgrenzen. Er darf da nicht durch, wir müssen ihn fangen. Plötzlich fällt mir auf: Kohlenklau ist gar nicht so schwarz, wie ich ursprünglich dachte. Er ist ein weißer Hase mit schwarzen Flecken. Jetzt bin ich mir meiner Erinnerungen ganz sicher.

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