{"id":45,"date":"2008-03-04T22:48:45","date_gmt":"2008-03-04T21:48:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.achteraus.de\/?p=45"},"modified":"2019-11-01T22:53:49","modified_gmt":"2019-11-01T21:53:49","slug":"langsam-voran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteraus.de\/index.php\/2008\/03\/04\/langsam-voran\/","title":{"rendered":"Langsam voran"},"content":{"rendered":"\n<p>Vorgestern bekamen wir morgens wieder Wind und \nkreuzten, was das Zeug h\u00e4lt, gegen Wind und Strom und kamen nicht so \nrichtig voran. Selbst als er auffrischt n\u00e4hert sich der Mexico-Express, \nwie die jungen Crewmitglieder W4 auf der offiziellen website \nbeschreiben, nur langsam dem Hafen von Ensenada:&nbsp;nach acht Stunden \nNachtwachen haben wir gerade mal 25 sm in die richtige Richtung \ngeschafft. Wir sind ziemlich frustriert: die ganze Plackerei hoch am \nWind und dann das!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Rasmus hat ein Einsehen und belohnt  uns: der Wind steht den ganzen Tag durch und er raumt so weit, dass wir  sogar zeitweise Ensenada anliegen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gestern\n fr\u00fch&nbsp;stand \u00fcber der aufd\u00e4mmernden Morgenr\u00f6te noch die goldene \nMondschale, schr\u00e4g dar\u00fcber ein heller Stern. Es sah aus, als wollte die \nSchale ihn auffangen, sollte er abst\u00fcrzen. Am Horizont noch ein weiterer\n heller Stern, den ich einfach mal &#8222;Venus&#8220; nannte, weil er ja den Morgen\n ank\u00fcndigte. Es waren die einzigen Sterne, die von der ansteigenden \nMorgend\u00e4mmerung nicht \u00fcberstrahlt wurden. Angesichts dieses wunderbaren \nHimmels sch\u00e4me ich meiner Unkenntnis des Firmaments. Im S\u00fcden \nbeispielsweise stand die letzten Tage lange ein Sternbild, das einem \nKrebs mit Skorpionsschwanz glich, ein riesiges Sternzeichen, das ich, da\n ich es nicht identifizieren konnte,&nbsp;einfach nach meinem \nVolleyballfreund&nbsp;&#8222;Uli&#8220; nannte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Kurz vor Wachwechsel um 8 Uhr  setzt sich der Skipper zu mir. <em>&#8222;Dolf&#8220;<\/em>, sagt er, <em>&#8222;Du bist ein  fantastischer Rudeng\u00e4nger. Wie Du das Schiff im Wind h\u00e4ltst, ist einfach  grosse Klasse.&#8220;<\/em> Wie gut so ein Lob einem lumpigen Smut tut! Das w\u00e4rmt das Herz nach dieser kalten Nacht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das\n ist nat\u00fcrlich eine Reaktion, die aus ebensoviel Eitelkeit wie \nunderstatement besteht: irgendwie muss sich ja die Erfahrung von \u00fcber 30\n Jahren Hochseesegeln und zweimal Kap Hoorn niedergeschlagen haben. Aber\n so ist das: ich bin Teil einer Crew, deren andere, mit Ausnahme von \nAxel, jungen Mitglieder mich so gut wie nicht gekannt haben, bevor ich \nan Bord kam. Und zwischen diesen jungen Bundesgeschwistern war die \nRollenverteilung klar, auch jenseits der Hierarchie und Funktionen an \nBord. In so ein Gef\u00fcge muss man sich erst einf\u00e4deln und, wie es scheint,\n ist mir das nicht nur als Smut gelungen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wind steht fast 46\n Stunden durch &#8211; f\u00fcr uns ist das Rekord und wir m\u00fcssen zum ersten Mal \ndas Stromaggregat anwefen, um die Batterien f\u00fcr die Beleuchtung, die \nPumpen und das ganze elektronische Paket an Bord zu laden. <\/p>\n\n\n\n<p>Das \nWasser hat nur noch 15\u00b0 C, was am Nachmittag den gr\u00f6sseren Teil der Crew\n nicht davon abh\u00e4lt, Badeurlaub zu machen. Da ich mich ein paar Stunden \nzuvor im Klokabuff, in dem man sich nur als Schlangenmensch wohlf\u00fchlen \nkann &#8211; schon die Hosen &#8222;danach&#8220; wieder hochzuziehen erfordert \nakrobatische Techniken &#8211; mit ca. 2 l rationiertem S\u00fc\u00dfwasser einer \nGanzk\u00f6rperreinigung unterzogen habe, ziehe ich es vor, mich mit einer \nder letzten Dosen &#8222;Montejo&#8220; abzuk\u00fchlen. Ausserdem bin ich gerade dabei, \naus dehydrierten Rindfleischfasern &#8222;hamburger&#8220; zu basteln, was wider \nErwarten exzellent gelingt. Dabei geht die letzte Flasche Ketchup drauf,\n der auf Spanisch &#8222;Catsup&#8220; heisst und wo eigentlich nur ein &#8222;o&#8220; fehlt um\n zu sagen, wie er schmeckt. Am Vortag gab es Linsen mit &#8222;Kassler&#8220;, also \nlomo ahumado und Reis und aus dem restlichen Reis und den Spaghetti vom \nVortag brate ich am Abend s\u00fcsse Kuechlein zum Obstsalat. Die Crew leckt \nsich die Finger. Also: ich bin ein phantastischer Ruderg\u00e4nger und ein \nbrillianter Koch. Was will man mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte mir in Barra \nNavidad, ich schrieb schon davon,&nbsp;ein paar billige Jeans gekauft, waist \n34, die Weite, die meine anderen Hosen auch haben, aber am zweiten Tag \nbegann sie \u00fcber die H\u00fcften zu rutschen. Die Frage ist nur, hab ich \nabgenommen, oder hat das billige Gewebe nachgegeben? Seis drum.&nbsp;In der \nNacht, der letzten vor Ensenada, erwies sich das als reiner Segen. Man \nmuss ja sowieso immer das Positive sehen. Ich zog sie \u00fcber die andere \nHose an,&nbsp;das \u00d6lzeug dar\u00fcber und fror zum ersten Mal nur an den F\u00fcssen. \nDabei war es so kalt, dass der Atem kondensierte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorgestern bekamen wir morgens wieder Wind und kreuzten, was das Zeug h\u00e4lt, gegen Wind und Strom und kamen nicht so richtig voran. 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