{"id":36,"date":"2008-08-22T09:01:17","date_gmt":"2008-08-22T07:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.achteraus.de\/?p=36"},"modified":"2019-11-01T22:10:21","modified_gmt":"2019-11-01T21:10:21","slug":"die-nacht-in-der-wir-hitler-begruben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteraus.de\/index.php\/2008\/08\/22\/die-nacht-in-der-wir-hitler-begruben\/","title":{"rendered":"Die Nacht, in der wir Hitler begruben."},"content":{"rendered":"\n<p>Im Wohnzimmer \u00fcber dem Sofa hing der F\u00fchrer in \u00d6l.  Irgendwie geh\u00f6rte er f\u00fcr mich zur Familie, so selbstverst\u00e4ndlich wie  mein Kaninchen dazugeh\u00f6rte. Zu dieser Zeit gab es nicht nur die  Pro\u00adpaganda gegen die Kriegsgegner \u201ePst! Feind h\u00f6rt mit!\u201c oder die  Feindsender, die Dolly Karbula im Stockwerk \u00fcber uns h\u00f6rte, aber die war  geb\u00fcrtige Engl\u00e4nderin und die schminkte sich sogar, sondern auch gegen  die frierende Bev\u00f6lkerung, die sich die fehlende Heizenergie aus den  G\u00fcterz\u00fcgen klaute. Mein Kaninchen hie\u00df wie die Figur des schwarzen  \u201eKohlenklau\u201c auf den Plakaten, die wohl auch in Seewalchen hingen,  obwohl dieser Ort gar keinen Bahnanschluss besitzt. Ich erinnere mich  daran ganz genau.<\/p>\n\n\n\n<p>Hitler blickte entschieden v\u00e4terlich auf uns herab. Meine Schwester  nahm morgens Aufstellung vor dem Sofa und sagte <em>\u201eguten Morgen F\u00fchrer,  ich bin schon aufgewacht!\u201c<\/em> Sie ging schon zur Schule und war sehr pflichtbewusst. Ich kann mich dagegen nicht erinnern, dass ich ein  beson\u00adderes Verh\u00e4ltnis zum F\u00fchrerbild hatte. Kohlenklau stand mir n\u00e4her,  obwohl klar war, dass er eines Tages geschlachtet werden und ich ihn  mit etwas Trauer und viel Appetit mitessen w\u00fcrde. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der F\u00fchrer war mir  wohl so fern wie mein Vater, den es jahrelang auch nur als Bild gab oder  als Schatten, den die Erinnerung heraufbeschw\u00f6ren musste. Nur einmal  war er leibhaftig da, auf Fronturlaub und brachte mir einen Teddy mit.  Obwohl der aus Belgien stammte wurde er \u201eGulaschb\u00e4r\u201c genannt. Aber er  war halt mopperlrund und f\u00fcr uns Ober\u00f6sterreicher konnte das nur daran  liegen, dass er im \u00dcberfluss besa\u00df, was wir damals doch etwas  entbehrten: Fleisch. Gulaschb\u00e4r eroberte mein Herz im Nu und mein Vater  versohlte mich, was mein Verh\u00e4ltnis zu ihm nicht inniger gestaltete. Ich  war auf seinen Koffer geklettert, der war aus Sperrholz geformt, das  wundervoll federte, bevor es schn\u00f6de brach&#8230; Insofern war mir mein  Vater doch n\u00e4her als Hitler, der sich nur in sehr allgemeiner Weise um  die deutsche Mutter und das deutsche Volk an sich k\u00fcmmerte und im  \u00dcbrigen g\u00fctig ins Wohnzimmer heruntersah.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann begannen die  Fliegeralarme, als die Amis von Italien aus zur Bombardierung der mitteldeutschen Industriezentren oder auf Linz flogen. Auf dem R\u00fcckweg  warfen sie die restlichen Bomben in die D\u00f6rfer oder den Attersee. Ein  Blindg\u00e4nger landete unten am Hang unseres Gar\u00adtens. Wir warteten die  Fliegeralarme sicherheitshalber im Keller ab. Dann wurde der Landsturm  aktiviert, die Veteranen des ersten Weltkrieges, sie sollten die Russen  aufhalten, die von Osten her anr\u00fcckten, aber unter den alten M\u00e4nnern  oder im Dorf war nichts von der heldenhaften Stimmung zu sp\u00fcren, wie ich  sie aus den Bilderb\u00fcchern kannte. Eines hie\u00df \u201eTeddy zieht in den Krieg\u201c  \u2013 Hurra! Hurra! &#8211; und der Gulaschb\u00e4r bekam auch so einen malerischen  Kopfverband, wie der siegreiche Teddy im Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erwachsenen \nsprachen viel \u00fcber die Russen. Und trafen Vorsorge. Meine Mutter vergrub\n eine Flasche Schnaps unter den Kohlen im Keller. Das kam mir seltsam \nvor, die wurde doch ganz schmutzig dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kamen die Russen.  Sie trugen die Uniform der SS und sie waren die SS, eine Gruppe  wei\u00dfrussischer oder ukrainischer SS, die sich nach Westen durchschlagen  wollte, um sich den Amerikanern zu ergeben. Sie quartierten sich f\u00fcr  einen halben Tag und eine ganze Nacht bei uns im Wohnzimmer ein, wor\u00fcber meine Mutter wenig erbaut war. Ich dagegen staunte sie bewun\u00addernd an:  sie sprachen seltsam und l\u00e4rmten, waren waffenbeh\u00e4ngt, trugen gl\u00e4nzend  gewichste Lederkoppel und Stiefel und im Stiefel den zweiseitig  geschliffenen Dolch, mit dem sie die Fleischb\u00fcchsen aufs\u00e4belten, das  Fleisch darin schnitten und auf dessen Spitze sie mir, zum Entsetzen  meiner Mutter, St\u00fccke davon in den Mund schoben. Sie zog mich aus dem  Wohnzimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag verschwanden die SS-Leute im \nMorgengrauen in Richtung Salzburg. Sie wussten, was sie von der Roten \nArmee erwartete. Und sie entgingen dem nicht: die Amerikaner lieferten \nsie ihren Alliierten aus und die Russen h\u00e4ngten sie ohne Umstand auf. \nDoch davon, und dass diese SS-Freiwilligen zu den fanatischsten und \ngrausamsten Exemplaren der Rasse der Herrenmenschen z\u00e4hlten, h\u00f6rte ich \nerst viel sp\u00e4ter. Damals trat mit diesem halben Dutzend verwegener \njunger M\u00e4nner zum ersten Mal, erregend und faszinierend, das Fremde in \nmein Leben. Es ist ein dialektischer Scherz: ausgerechnet die \nM\u00f6rdertruppe einer autistischen Ideologie weckte mein Interesse f\u00fcr das \nExotische, das mich seitdem zu ausschweifender Lekt\u00fcre, zu nicht ganz \ngew\u00f6hnlichen Reisen, zu Studien vor Ort und zum Spracherwerb verf\u00fchrt \nund dazu gebracht hat, gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse mit Zorn und \ndie menschliche Natur mit Nachsicht zu betrachten. <\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings \nkamen kurz darauf die Amis. Und sie passierten unseren Garten auf dem \nWeg zum Gasthof, der ihnen als Kantine diente: auch sie Exoten, die \nschwarzen GI\u2019s vor allem, aber auch der gerechte \u201eRedhair\u201c, der solange \nS\u00fc\u00dfigkeiten sammelte, bis er allen Kindern gleich viel abge\u00adben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n wei\u00df nicht, ob der F\u00fchrer meiner F\u00fctterung durch seine SS noch \nzugesehen hat oder ob sein Bild schon zu dieser Zeit durch ein anderes \nersetzt worden war. Denn durch Seewalchen und an Seewalchen vorbei zogen\n schon l\u00e4nger vereinzelt Fl\u00fcchtlinge, Familien und auch versprengte \nSoldaten nach Westen, wie der junge Deutschchilene, der f\u00fcr Hitler \ngek\u00e4mpft hatte und bei uns Zivilkleidung erhielt und die Volksgenossen \ndes Dorfes bereiteten sich, aufgest\u00f6rt und wohl auch ver\u00e4ngstigt durch \nderen Berichte, auf die Besatzung vor. Meine Mutter, die BDM-F\u00fchrerin, \nhatte den Glauben an den Endsieg schon nach dem Fall Stalingrads \nverloren und als sich nun die politische Ordnung aufl\u00f6ste und keine \nF\u00fchrung mehr war, war auch der F\u00fchrer \u00fcberfl\u00fcssig ge\u00adworden. Sie \nbeschloss, ihn zusammen mit anderen Ehrenzeichen der NSDAP zu beerdigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erinnerung\n an fr\u00fche Kindheitstage ist oft vage. Geh\u00f6rtes, Gesehenes vermischen \nsich mit anderswie Erlebtem. Bilder und erinnerte Gef\u00fchle gewinnen ihre \nFarbe aus sp\u00e4teren Eindr\u00fccken und n\u00e4hren sich aus sp\u00e4teren \nErkenntnissen. Ich bin mir daher nicht wirklich sicher, ob ich dabei \nwar, als Hitler begraben wurde. Das Archiv der Bilder und Gef\u00fchle gibt \nkeine genaue Auskunft: Keine Schaufel gr\u00e4bt im Wald das Loch in dieser \nNacht, kein Nachtvogel fliegt auf, kein Zweig knackt und erschreckt mich\n und dennoch habe ich eine Art topografischer Vorstellung: von der \nStrasse nach Litzlberg Keller, vom Waldweg, der am Hang entlangt geht \nund von dem nur ein paar Schritte rechts unter die Fichten zu Hitlers \nGrab f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterhalb der Kirche von Seewalchen zur Bucht hin, um\n die dort die Strasse in einem weiten Bogen schwingt, bevor der Wald \ndichter ans Ufer r\u00fcckt, dehnten sich Felder und Wiesen. Heute liegt in \ndieser flachen Mulde ein liebloser Schulkomplex, eingebettet in eine \nkleine, belanglose Siedlung. Wir kamen hier oft vorbei, wenn wir die \nbeiden Handel-Schwestern besuchten, die hinter Litzlberg Keller auf der \nHalbinsel ein gro\u00dfes Haus bewohnten, Dalmatiner z\u00fcchteten und in deren \nBootshaus am Ufer ein klappriger Kahn schwamm, von dem wir uns \nfernhalten mussten. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zu unseren Nenn-Tanten und zur\u00fcck ist\n in meiner Erinnerung immer ein Sommeraus\u00adflug. Mein kleiner Bruder \nliegt im bauchigen, geflochtenen Kinderwagen, Mutter diktiert mit ihrem \nBDM-Schritt die Marschtabelle. Auf dem R\u00fcckweg ist der hohe Himmel \nausgestirnt. So m\u00fcssten wir auch marschiert sein zum Begr\u00e4bnis des \nF\u00fchrers, Adolf Hitler aufgebahrt unter der piss\u00adfeuchten Matratze eines \nKleinkindes, um hastig und gru\u00dflos im Waldboden verscharrt zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf\n dem R\u00fcckweg von dieser Beerdigung leuchten wieder die Sterne in der \nK\u00fchle der Nacht. Aus den Wiesen unterhalb der Kirche beginnen die \nAbendnebel zu steigen und wir singen nicht etwa \u201eHohe Nacht der klaren \nSterne\u201c des Nazidichters Baumann, sondern \u201eDer Mond ist aufgegan\u00adgen\u201c, \nalle Strophen, und obwohl wir zuhause selbst zu Weihnachten vermieden, \nvom himmli\u00adschen Personal zu singen, hofften wir nun mit Matthias \nClaudius, Gott m\u00f6ge uns mit Strafen ver\u00adschonen und unsere kranken \nNachbarn gut schlafen lassen. Unsere Nachbarn waren zwar alle gesund, \nvor allem die grantige Frau Hinterholzer vom Laden nebenan, die uns \nKinder immer aus\u00adzankte und der ich lieber die Kr\u00e4tze an den Leib als \neinen guten Schlaf gew\u00fcnscht h\u00e4tte und au\u00dferdem hatte ich doch gar \nnichts angestellt. Weshalb sollte ich also bestraft werden? War es denn \nb\u00f6se, dass wir den F\u00fchrer verscharrt hatten? <\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Strophe \ndeutete eine Antwort an. Sie war mir am liebsten, weil sie ein Geheimnis\n zu enthalten schien, das ich nicht ganz begriff: <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eSiehst Du den Mond dort stehen,<br>er ist nur halb zu sehen<br>und ist doch rund und sch\u00f6n.<br>So sind wohl manche Sachen,<br>die wir getrost belachen,<br>weil unsere Augen sie nicht sehn.\u201c<\/pre>\n\n\n\n<p>Diese\n Verse spendeten damit zugleich Trost und weil der Trost erst nach den \nStrafen kam und kommen konnte, singe ich diese Strophe, seit wir den \nF\u00fchrer begraben haben, immer als letzte. Und wenn ich heute mit meinen \nKindern oder nur so in Gedanken Matthias Claudius singe, kommt es mir so\n vor, als verdankte ich dieses wunderbare Lied auf sehr vertrackte Art \nund Weise nicht nur ihm, sondern zugleich auch Adolf Hitler.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber \nda entwischt mir gerade mein Lieblingskaninchen. Und nun f\u00e4ngt auch noch\n der Flieger\u00adalarm an. \u201eKohlenklau\u201c hoppelt auf die Beerenstr\u00e4ucher zu, \ndie den K\u00fcchengarten zum Wiesen\u00adhang abgrenzen. Er darf da nicht durch, \nwir m\u00fcssen ihn fangen. Pl\u00f6tzlich f\u00e4llt mir auf: Kohlenklau ist gar nicht\n so schwarz, wie ich urspr\u00fcnglich dachte. Er ist ein wei\u00dfer Hase mit \nschwarzen Flecken. Jetzt bin ich mir meiner Erinnerungen ganz sicher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Wohnzimmer \u00fcber dem Sofa hing der F\u00fchrer in \u00d6l. Irgendwie geh\u00f6rte er f\u00fcr mich zur Familie, so selbstverst\u00e4ndlich wie mein Kaninchen dazugeh\u00f6rte. Zu dieser Zeit gab es nicht nur die Pro\u00adpaganda gegen die Kriegsgegner \u201ePst! 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