{"id":32,"date":"1999-05-01T21:44:35","date_gmt":"1999-05-01T19:44:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.achteraus.de\/?p=32"},"modified":"2019-11-01T21:47:15","modified_gmt":"2019-11-01T20:47:15","slug":"fremd-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteraus.de\/index.php\/1999\/05\/01\/fremd-heimat\/","title":{"rendered":"Fremd, Heimat"},"content":{"rendered":"\n<p>Da stand Herr Schmidt auf: Man nimmt uns die Heimat! \n\u00dcberfremdung, sagte er. Zuviele Fremde, die uns die Heimat rauben. \nDagegen ist Widerstand geboten, so stehe es im Grundgesetz. Die \nArgumente kamen mir bekannt vor. Es sind die meines Vaters. Ihre Basis \nist ein diffuser v\u00f6lkischer Rassismus, der sich rationaler \nZug\u00e4nglichkeit entzieht. Diskussionen dar\u00fcber gleichen einem Reigen, \ndessen Figuren ewig wiederkehren. Fakten und Zahlen dringen durch den \nBrummba\u00df der Gef\u00fchle nicht hindurch. Es lohnt nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr\n Schmidt und seine Argumente schienen Einigen bekannt. Er schnitt die \nDiskussion im Stadtforum \u00fcber \u201eStadt und Migration\u201c mit, machte sich \nNotizen, offenbar ein Experte in \u201eHeimat\u201c, dessen Analyse bestimmt in \neinem kleinen rechtsgerichteten Blatt erscheinen wird. Er sagte nicht, \nwas ihm Heimat sei, was Fremde. Herr Schmidt ist Heimatvertriebener und \ndefiniert Heimat vom Verlust her. Heimat ist f\u00fcr ihn der Verlust von \netwas Vertrautem, an dessen Stelle nichts Anderes angeeignet worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In  meiner Kindheit gab es viele Fremde in unserem Ort, Fl\u00fcchtlinge wie  Herr Schmidt. Das waren wir auch, aber doch auch wieder nicht. Wir waren  faktisch eher aus der Fremde Zur\u00fcckgekommene. Aber da ich noch einen  fremden Dialekt sprach, dr\u00fcckten sie mich vor der Molkereizentrale aus  der Schlange. Wie andere Fl\u00fcchtlingskinder auch.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p> Da sagte die Frau mit  der Milchkanne vor mir zu dem Bengel, der mich aus der Schlange gedr\u00fcckt  hatte in ihrem Dialekt, der mir damals noch fremd klang, er solle der  Gro\u00df Irene ihr B\u00fcbele in Ruhe lassen. Meine Mutter war aus einer  angesehenen Familie und in diesem St\u00e4dtchen aufgewachsen. Ab diesem Tag  konnte ich ohne weiteres Fl\u00fcchtlingskinder vor der Molkereizentrale aus  der Schlange schubsen. Kein Einheimischer schritt ein. Man hatte mich  eingeb\u00fcrgert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Fl\u00fcchtlinge wohnten im Barackenlager, \nkamen aus Schlesien oder Ostpreu\u00dfen, waren schon dort arm gewesen, wie \nes hie\u00df, sprachen seltsam, waren katholisch und ihre zahlreichen Kinder \nhatten L\u00e4use und schlechte Noten im Rechtschreiben. Hagen dagegen wohnte\n in unserer N\u00e4he, ging in meine Klasse und war Kriegerwaise. Sein Vater \nwar bei der SS gewesen, man behauptete, er sei von den Besatzern nach \nder Befreiung eines KZ aufgeh\u00e4ngt worden. Vielleicht war seine Familie \ndaher besonders isoliert. Aber genau deshalb sollte ich sein Freund \nsein. So wollte es mein Vater. Au\u00dferdem war Hagen ein schlechter \nSch\u00fcler. Ich sollte ihm helfen. Bei Hagen roch es nach Armut. Ich mochte\n Hagen nicht. Wir pr\u00fcgelten uns auf dem Schulweg, auf dem Schulhof. Nach\n der W\u00e4hrungsreform gr\u00fcndete ich mit zwei anderen Kindern die \nTotenkopf-Bande. Wir legten unser Taschengeld zusammen, kauften \nMargarine, malten darauf einen Totenkopf und legten sie vor den H\u00e4usern \nder Armen auf die T\u00fcrschwelle. Auch bei Hagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es blieb bei drei \nW\u00fcrfeln Margarine in einer einmaligen Aktion. Ich wurde dann zweiter \nHauptmann in der verwegenen Streicherbande und ging danach mit einem \ngr\u00f6\u00dferen Vetter in die Ritterbande, obwohl ich dort der J\u00fcngste und der \nKleinste war. Zu der Bande geh\u00f6rten nur Kinder der kleinst\u00e4dtischen \nOberschicht. Wir hatten unser Areal talaufw\u00e4rts, auf dem Gel\u00e4nde des \nritterschen S\u00e4gewerks und k\u00e4mpften gegen die Rattenbande, Kinder der \nunteren Schichten. Die soziale Abkunft wurde bald wichtiger als die \nregionale Herkunft. Das Wirtschasftswunder brauchte alle Arbeitskr\u00e4fte. \nArbeit war der gro\u00dfe Integrator und Heimatstifter. Einige \nFl\u00fcchtlingsfamilien schafften den sozialen Aufstieg bis in die gute \nGesellschaft der Haus- und Grundbesitzer, der Handwerksmeister und \nTeilnehmer am Sch\u00e4ferlauf, dem Heimatfest in der Kleinstadt. Hagens \nFamilie geh\u00f6rte nicht dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in der Stadt Bad Urach, in der\n ich nicht geboren bin und kaum 15 Jahre lebte, einen Brauch, den alle \nbefolgen: die Vierzigerfeier. Auch diejenigen, die l\u00e4ngst fern der \nSchw\u00e4bischen Alb leben, kommen zu diesem Tag zur\u00fcck. Wer nicht k\u00e4me, \nw\u00fcrde seine Familienmitglieder dort in eine unangenehme Situation \nbringen. Man w\u00fcrde sie fragen, auf dem Marktplatz, beim Einkauf, in der \nSauna, auf dem Weg zur Kirche: \u201eHa, der isch wohl ebbes bessers gworde, \nder kennt ons nemme&#8230;\u201c will sagen: der hat die Heimat verraten, die \nFamilie verlassen. Sie kamen also, wie ich auch. Ich hatte den Eindruck,\n die Gruppe der 40-J\u00e4hrigen bestand aus zwei unterschiedlichen \nGenerationen. Diejenigen, die dort geblieben waren, wirkten &#8211; \nbodenst\u00e4ndig und verhockt &#8211; als seien sie kurz vor dem Ruhestand. Wir \nAusw\u00e4rtigen schienen im Vergleich dazu gerade der Pubert\u00e4t entlaufen: \ndie Puppenspielerin aus Frankfurt, der Fischh\u00e4ndler aus G\u00f6teborg, der \nChemiker aus Basel und &#8211; Hagen aus Alaska.<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen war fremd \ngeblieben in Urach. Der Fl\u00fcchtling. Das SS-Kind. Er hatte die \nVolksschule abgeschlossen und eine Lehre gemacht. Aber er war nicht \nangekommen, f\u00fchlte sich nicht integriert in die Gesellschaft der \nKleinstadt und n\u00fctzte die erstbeste M\u00f6glichkeit zur Auswanderung in die \nUSA. Hagen war zur Vierzigerfeier gekommen, seiner Mutter wegen und um \n\u201elooking for my roots\u201c. Hagen hatte sich in den Staaten zum Milit\u00e4r \ngemeldet. Das sicherte ihm schnelle Einb\u00fcrgerung und Bildung &#8211; die \nZugeh\u00f6rigkeit und die Chance, endlich sich selbst zu definieren. Hagen \nmachte die ganze Schei\u00dfe in Vietnam mit, absolvierte danach die \nHighschool, erwarb einen degree in engineering, der ihm erlaubte, in \nAlaska auf den Erd\u00f6lfeldern zu arbeiten. Nichts, was Hagen wirklich \nbewegte, konnte er in Deutsch hinreichend ausdr\u00fccken. Was er mir sagte \nwar: er war Amerikaner aus \u00dcberzeugung. Er war endlich in einer Heimat \nangekommen. So it goes.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle zwei Jahre, beim Sch\u00e4ferlauf, zieht \nein kilometerlanger Festzug durch die Stadt, Sch\u00e4fer, Metzger, die \nKreisreiter, Trachtengruppen und Themenwagen mit alten Ger\u00e4tschaften und\n zu alten Sagen der Region. Zu den Trachtengruppen z\u00e4hlen seit langen \nJahren auch die der Heimatvertriebenen. In der Zittelstatt, auf dem \nFestplatz, tanzen sie ihre Reigen, wie damals in Schlesien oder in den \nSudeten. Meine Frau zog Vergleiche zwischen dem Sch\u00e4ferlauf und dem Fest\n Inti Raymi in Cuzco in den Anden. Ich mu\u00dfte meinen Kindern erkl\u00e4ren, \nwas Heimatvertriebene sind. Eine der Gruppen kommt aus Donnstetten, \neinem kleinen Dorf der \u201erauhen Alb\u201c, die so hei\u00dft, weil sie karstig, \narid, arm und schneereich im Winter ist. Das Schw\u00e4bisch, das dort \ngesprochen wird, ist ebenso.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser schlesischen Trachtengruppe\n tanzen und singen nun schon die Urenkel derer, die Schlesien verlassen \nmu\u00dften. Sie lernen die Texte wie eine Fremdsprache. Diesmal waren \ndarunter zwei br\u00fcnette Kinder, mit schwarzen Haaren und besonders \nanmutigen Bewegungen. Ihre Mutter stammt von den Phillippinen oder aus \nThailand. Sie sehen allerliebst aus in ihrer schlesischen Tracht von der\n schw\u00e4bischen Alb. So reich kann Heimat sein. So \u00fcberfremdet, armer Herr\n Schmidt.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Heimat ist das Fremde, das ich mir angeeignet habe.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da stand Herr Schmidt auf: Man nimmt uns die Heimat! \u00dcberfremdung, sagte er. Zuviele Fremde, die uns die Heimat rauben. Dagegen ist Widerstand geboten, so stehe es im Grundgesetz. Die Argumente kamen mir bekannt vor. Es sind die meines Vaters. Ihre Basis ist ein diffuser v\u00f6lkischer Rassismus, der sich rationaler Zug\u00e4nglichkeit entzieht. 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