{"id":30,"date":"2008-08-22T21:38:44","date_gmt":"2008-08-22T19:38:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.achteraus.de\/?p=30"},"modified":"2019-11-01T21:44:00","modified_gmt":"2019-11-01T20:44:00","slug":"uralte-lehrer-und-eine-gelbe-krawatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteraus.de\/index.php\/2008\/08\/22\/uralte-lehrer-und-eine-gelbe-krawatte\/","title":{"rendered":"Uralte Lehrer und eine gelbe Krawatte"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich sehe mich auf dem Schulweg. Es ist Sommer. Ich  gehe, barfuss und in kurzen Lederhosen, die Wilhelmstrasse entlang. Aus  einem Keller, der mit schmalen Luken zum B\u00fcrgersteig hin entl\u00fcftet,  str\u00f6mt ein kalter Hauch um die nackten Beine. Das wiederholt sich in der  Kirchgasse und treibt den Harn in die Blase. Zum Pinkeln an die Linde  oder den Sockel des Bismarckdenkmals oder in einer der Ecken der  Amanduskirche klappte man halt den Latz der Lederhose herunter, der mit  zwei dicken Hornkn\u00f6pfen befestigt war. <\/p>\n\n\n\n<p>Nun aber werden die zun\u00e4chst rauen Lederhosen im Gebrauch nicht nur  glatt sondern auch h\u00e4rter und man konnte diesen Prozess dadurch  beschleunigen, dass man an ihnen die fettigen Finger ab\u00adputzt und im  Wald auf dem Hosenboden die H\u00e4nge hinunterrutscht. Die Produktion dieser  Patina war ein hochwillkommener Prozess der Aneignung und  Individualisierung dieses Bekleidungsst\u00fccks und nur die \u00e4lteren Knaben  in einer Familie hatten \u00fcberhaupt die Chance dazu, denn die Hosen wurden  an die j\u00fcngeren Geschwister oder Vettern weitervererbt. Die mussten die  fremde Patina weiter tragen. Mit der H\u00e4rtung des Leders wurde es aber zunehmend schwieriger, die Kn\u00f6pfe zu \u00f6ffnen. Wir \u00fcbten, ohne den  Hosenlatz aufzukn\u00f6pfen und das \u201eSpitzle\u201c herauszuholen, zwischen  Oberschenkel und Lederhosenbein herauszupinkeln. Das geht, wenn man die  H\u00e4nde in die Taschen steckt, damit die Hose in die richtige Position  dreht und das kleine Gem\u00e4cht in eine propere Lage sch\u00fcttelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit  konnte man sich dann dicke machen. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es geh\u00f6rte zu den Riten, die den  Rang in den Gruppen- und Altershierarchien sicherten, wie auch die  K\u00e4mpfe, die wir Jungen untereinander austrugen. Wir pr\u00fcgelten uns  ziemlich heftig, aber es gab Regeln, an die man sich halten sollte:  nicht zwei gegen einen, nicht auf (eindeutig) Schw\u00e4chere, nicht treten.  Da ich klein und schm\u00e4chtig war, bestand meine Chance dabei nur in  Schnelligkeit. Auch wenn ich kein Angsthase war, ein \u201eRitter von Straub\u201c  konnte schon seines Namens wegen nicht einfach kneifen, ging ich doch  gelegentlich auf Umwegen zur Schule, um einem st\u00e4rkeren Feind aus dem  Weg zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Grundschule ist mir wenig in Erinnerung, was\n mit dem Unterricht zu tun h\u00e4tte. Der \u00e4lteste visuelle Eindruck ist der:\n gegen\u00fcber dem gro\u00dfen Fachwerkgeb\u00e4ude der d\u00fcstere Spital-Bau, hingeduckt\n unter dem riesigen Dach mit den vielen Geschossen, die man an den \nwinzigen Gauben h\u00e4tte abz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Wieviele \u201eB\u00fchnen\u201c hier \n\u00fcbereinander gepackt worden waren und was sie verbargen \u2013 ich wei\u00df es \nnicht. Aber im Erdgeschoss war ein Klassenraum, dessen Decke auf \nmehreren (gusseisernen?) S\u00e4ulen ruhte. Du musst Dir darin eine \nSchulklasse von ABC-Sch\u00fctzen mit ungef\u00e4hr 65 Kindern vorstellen. In \nmeiner Erinnerung waren wir eine reine Jungenklasse, diese Erinnerung \nschwankt jedoch. Genau erinnere ich mich aber daran, dass au\u00dfer mir \nsechs weitere Knaben Adolf gerufen wurden. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren wie alle \nKinder in diesem Alter, unaufmerksam, unruhig, ma\u00dfen unsere Kr\u00e4fte und \nwir Jungs \u00e4rgerten die M\u00e4dchen auf dem Schulhof, wenn wir uns nicht \ngerade untereinander \u201eK\u00e4mpfle\u201c lieferten. Lehrer Ilg wusste sich im \nUnterricht nicht anders zu helfen, als uns mit dem Rohrstock \neinzusch\u00fcchtern, aber der war nur eine Haselgerte, mit der er durch die \nLuft fuchtelte und auf das Pult schlug, um uns ruhig zu halten und uns \n\u00fcber die Hand hieb, wenn wir etwas ausgefressen hatten. Man nannte das \n\u201eTatze\u201c und es tat sehr weh, manchmal mehr als die \u201eHosenspannede\u201c, zu \nderen Behuf man \u00fcber das Pult gelegt wurde. Den Arsch versohlen war \nentehrender als die Tatzen und ich glaube heute noch sicher, dass diese \nStrafe deshalb auch eher an Kindern der \u00e4rmeren Schichten vollzogen \nwurde. Zu denen geh\u00f6rten auch die Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n\n\n\n<p>Lehrer Ilg erschien\n mir uralt. Heute vermute ich, dass sich mit der Zeit die konkrete \nBesinnung auf ihn mit dem Bild von Wilhelm Buschs Lehrer L\u00e4mpel \nvermischt und die negativen Erfahrungen mit ebenso autorit\u00e4ren wie wenig\n souver\u00e4nen Lehrern, unter denen ich bis zum Abitur litt, die \nErinner\u00adung auch an die ersten Schuljahre \u00fcberschattet haben. Dabei \nsollte mir dieser Lehrer so fremd nicht gewesen sein. Sein Haus grenzte \nan das riesige Villengrundst\u00fcck meines Gro\u00dfvaters. In weiterem Sinn \nwaren wir damals also Nachbarn. Und als wir unser eigenes Haus genau \ndahinter an die Stelle von Gro\u00dfvaters H\u00fchnerstall bauten, wurden wir es \nsogar direkt. Dennoch wei\u00df ich bis heute kaum etwas \u00fcber ihn. Lange \ndachte ich zum Beispiel, Ilg sei damals schon an der \nPensionierungsgrenze gestanden oder man h\u00e4tte ihn sogar nach der \nPensionierung zur\u00fcck geholt, weil im Krieg so viele Lehrer tot \ngeschossen worden oder in Gefangenschaft geraten waren. Aber wenn ich \nnachrechne, dann war er damals noch lange keine sechzig. <\/p>\n\n\n\n<p>Ilg war \nwohl schon im ersten Weltkrieg Soldat gewesen, im zweiten vermutlich nur\n beim \u201eVolks\u00adsturm\u201c oder in der Schreibstube und er machte, scheint mir \nim R\u00fcckblick, zwischen Milit\u00e4r und Schu\u00adle wenig Unterschied, ein \nbitterer, grauer und d\u00fcrrer Pauker in dunklem Anzug, ohne den Hauch \neines Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr das, was Kinder zu Kindern macht. Erst ein paar\n Jahre sp\u00e4ter, da ging ich schon in die Oberschule, tauchte der erste \nJunglehrer auf, der nach der Nazizeit das Lehrerseminar absolviert \nhatte. Auch er hatte den zweiten Weltkrieg hinter sich, schien aber noch\n einmal seine geklaute Jugend nachzuholen, spielte mit den Buben und \ntollte mit ihnen herum, sprang sogar im Dettinger Freibad vom \nDreimeterbrett, was mir als eine unzul\u00e4ssige Grenz\u00fcberschreitung \nerschien. Sich so anzubiedern. Das hatte ein Lehrer nicht zu tun, ja wo \nkommen wir da hin! <\/p>\n\n\n\n<p>In der Oberschule traktierten uns abgek\u00e4mpfte \n\u201esp\u00e4te M\u00e4dchen\u201c, deren Br\u00e4utigame gefallen waren oder die gar keinen \nmehr bekommen hatten, denn in ihren Jahrg\u00e4ngen waren nur wenige M\u00e4nner \n\u00fcbrig geblieben und davon nur einige unbesch\u00e4digt aus den \nKriegsgefangenenlagern zur\u00fcck ge\u00adkommen. Sie wurden mit \u201eFr\u00e4ulein\u201c \nangesprochen, gaben Franz\u00f6sisch und Englisch und neigten zu \nNervenzusammenbr\u00fcchen. Was blieb ihnen denn auch \u00fcbrig an Leben in \ndiesem bigotten Land\u00adstrich: Pietistische Hysterie oder\/und Masturbation\n &#8211; eine andere Chance hatten sie kaum. Da h\u00e4tten sie sich schon mit den \nfranz\u00f6sischen Soldaten, \u201eden Besatzern\u201c einlassen m\u00fcssen&#8230; Wir \nl\u00fcmmelten uns vor ihnen in den B\u00e4nken, eine st\u00e4ndige Erinnerung an ihre \nungelebten N\u00e4chte und ein dauern\u00adder Vorwurf, dass sie ihre nat\u00fcrliche \nBestimmung als Frau und Mutter nicht erf\u00fcllt hatten. Ich denke, einige \nhassten uns daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. \nAdornos Spruch bringt alles, was ich damals ahnte, aber nicht wusste, \nauf den Begriff, der mir fehlte. Diesen Satz h\u00e4tte man mir damals \nbeibringen sollen, statt der ganzen verlogenen Nazischei\u00dfe, dem ebenso \nverlogenen aphoristischen Innerlichkeits\u00adsaich, einschlie\u00dflich \nRabindranath Tagore, von dem ich einen Spruch zum 14 Geburtstag mit auf \nden Weg bekam, bei der M\u00e4nnlichkeitsfeier, die mir als Ungetauften von \nder Sippe anstelle der Konfirmation in Gro\u00dfvaters Villa ausgerichtet \nwurde.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Kantine fragten heute Kollegen vom Naturschutz, was \nich eigentlich so mache. Ich berichtete wahrheitsgem\u00e4\u00df: zurzeit wenig. \nBeziehungsweise, dass ich heute in der \u201etaz\u201c einen Artikel \u00fcber Thomas \nWolfe gelesen habe, verziert von einem Foto des 68j\u00e4hrigen \nSchriftstellers als Dandy. Irgendwann hatte ich anfangs der 70er \nangefangen, \u201eDas tangerinebonbonfarbene Stromlinienbaby\u201c zu lesen und \nfand diese Essays ziemlich gemacht, unecht und aufgedonnert langweilig. \nIch brach die Lekt\u00fcre ab und fragte mich, was an diesem Autor dran sein \nsollte. Jetzt, bei dem Artikel und dem Bild, assoziierte ich spontan \neinen modernistischen Vikar der evangelischen Kirche in Urach, fast 50 \nJahre ist das her. Der war so richtig flott und auf der H\u00f6he der Zeit \nund der k\u00e4mpfte dann auch ganz aufgedonnert f\u00fcr das Gute und dann wars \ndoch blo\u00df gegen \u201eSchmutz und Schund\u201c. F\u00fcr die Kirchen-Jugendlichen war \ner eine gro\u00dfe Nummer und f\u00fcr die Alten der Gemeinde eine Zumutung. Er \ntrug n\u00e4mlich eine gelbe Krawatte. \u201eStellen Sie sich vor: eine g-e-l-b-e-\n Krawatte. Ich bitte Sie! Ein Pfarrer, eine g-e-l-b-e- Krawatte! Gell, \ndas kann man doch nicht machen. Als Pfarrer!\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Ich lie\u00df mich \ndamals von Freunden verleiten, bei einem winterlichen Gel\u00e4ndespiel der \nchristlichen Pfadfinder auf der Seite des Schlechten mitzuwirken, wo \nsonst, als Ungl\u00e4ubiger konnte und wollte ich auch gar nicht anders. \nMeine Aufgabe sollte es sein, \u201eSchundheftchen\u201c in die Ruine Hohenurach \nzu bringen, die Burg der Guten, in die man in dieser Jahreszeit kaum \nungesehen und &#8211; ohne Gefahr an Leib und Leben &#8211; nur an wenigen, leicht \nzu verteidigenden Stellen oder durch das Tor reinkam.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war grob\n unfair. Ich war der Ansicht, dass es das Gute auf dieser Welt nicht so \neinfach haben konnte und das Schlechte nicht so bl\u00f6d sein, in die \noffensichtliche Falle zu gehen. Warum sollte das unchristlich B\u00f6se auch \nd\u00fcmmer sein als ich selbst? Also erkundete ich das Gel\u00e4nde am Tag \nvorher, suchte nach einer Stelle an der Burgmauer, an der die \u201eGuten\u201c \nkeinen Angriff erwarten w\u00fcrden und pr\u00e4parierte sie mit einer langen \nSchnur. Ich schlich anderntags, von einem wei\u00dfen Tuch getarnt, das ich \nals Schneejacke nutzte, ungesehen \u00fcber die Vorwerke, band die Heftchen \nan die Schnur, wurde, wie erwartet, beim Eindringen an anderer Stelle \n\u00fcberw\u00e4ltigt und durchsucht. Man fand keine contrebande und lie\u00df mich \nfrei. \u201eSchmutz und Schund\u201c, das \u201eSchlechte\u201c also bef\u00f6rderte ich danach \ngem\u00fctlich am Faden in die Burg des \u201eGuten\u201c. Da war es nun doch \neingedrungen und konnte sein gr\u00e4ssliches Zerst\u00f6rungswerk in den jungen \nSeelen beginnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Vikar war beleidigt und lie\u00df die List nicht \ngelten. Ohne Erkl\u00e4rung und ohne Diskussion. Das Schlechte hatte dumm zu \nsein. Wie wenig er das Diabolische kannte. Und dabei h\u00e4tte doch gerade \ner darin Spezialist sein m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte f\u00fcr die Heftchen \nabsolut nichts \u00fcbrig und verachtete ihre Leser, ziemlich von oben herab,\n als dummen Plebs. Die Geschichten waren mir zu \u201ebillig\u201c erz\u00e4hlt, zu \nfern der Realit\u00e4t und f\u00fcr die \u00c4sthetik der groben Bildchen hatte ich \nnichts \u00fcbrig. Ich wei\u00df nicht, ob ich die moralischen Bedenken der \nKleinb\u00fcrger gegen sie teilte, denke aber, da ich schon fr\u00fch eher zum \nSarkasmus und zu Ironie neigte, vermutlich nicht. Vielleicht erinnerte \nmich die argumentationslose christlich-moralische Erre\u00adgung auch an die \nVerhaltensmuster meines Vaters wenn er gegen den Jazz, die moderne \nMalerei und auf die Demokratie schimpfte. Die christlich-moralische und \ndie faschistische Erregung schienen mir strukturell gleich. Mein Vater \nemp\u00f6rte sich, urteilte \u00fcber Sachverhalte, die genauer wahrzunehmen er \nsich weigerte, hatte deshalb auch keine Argumente und brach Diskussionen\n mit der Be\u00adgr\u00fcndung ab, davon verst\u00fcnde sein Gegen\u00fcber eben nichts. \nAuch der Vikar wollte ungest\u00f6rt inner\u00adhalb seiner Wahrheit bleiben. Die \nangebliche Offenheit, seine Jugendt\u00fcmlichkeit und \u201eModernit\u00e4t\u201c waren nur\n eine Kost\u00fcmierung der autorit\u00e4ren Selbstgerechtigkeit, die f\u00fcr mich bis\n heute Kennzei\u00adchen der Restauration der Adenauerzeit geblieben ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin nie wieder zu den Pfadfindern gegangen, meine Schulfreunde konnten den Kerl so \u201etoll\u201c finden, wie sie wollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sehe mich auf dem Schulweg. Es ist Sommer. Ich gehe, barfuss und in kurzen Lederhosen, die Wilhelmstrasse entlang. 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