{"id":26,"date":"2007-10-04T21:21:28","date_gmt":"2007-10-04T19:21:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.achteraus.de\/?p=26"},"modified":"2019-11-01T21:37:28","modified_gmt":"2019-11-01T20:37:28","slug":"mannbarkeitsfeier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteraus.de\/index.php\/2007\/10\/04\/mannbarkeitsfeier\/","title":{"rendered":"Mannbarkeitsfeier"},"content":{"rendered":"\n<p>In der \u201etageszeitung\u201c schildert eine Journalistin das\n Fortleben der \u201eJugendweihe\u201c im Osten der Republik und die Probleme, die\n sie als Mutter einer pubertierenden Tochter damit hat. Denn sie \nerinnert sich an das Ritual, das sie selbst in der Zeit des \u201ereal \nexistierenden Sozialismus\u201c im Saal des Kino International in der Karl \nMarx Allee durchlitt. Der stellvertretende Postminister der Deutschen \nDemokratischen Repu\u00adblik \u2013 ein \u00f6der B\u00fcrokrat als Festredner \u2013 hatte sie \nund die anderen Jugendlichen dort aus der Kindheit entlassen und mit \nUrkunde und Handschlag auf den vollen Einsatz f\u00fcr den Sozialismus \nverpflichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute\n ist die Jugendweihe im Osten eine Veranstaltung, die privat organisiert\n wird und nicht auf ein be\u00adstimmtes Gesellschaftsmodell verpflichtet. \nWas geblieben sind, sind \u00c4u\u00dferlichkeiten: die Jugendlichen verkleidet \nals kleine Erwachsene, eine Festrede, Geschenke und eine gewisse \nPeinlichkeit, die gleich\u00adwohl, auf Seite der Erwachsenen, mit R\u00fchrung \ndurchmischt ist. Die Journalistin stellt sich abschlie\u00dfend die Frage, \nf\u00fcr wen eigentlich diese Entlassung ins Erwachsenenleben zelebriert \nwerde und welche Bedeutung sie denn f\u00fcr die Beteiligten habe. Eine \nglaubw\u00fcrdige Antwort findet sie nur f\u00fcr sich selbst: das Ritual hilft \nihr bei ihrem Entschluss, ihr Kind nun los zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die DDR \nhatte die Jugendweihe staatlich vereinnahmt. Heute, vor 155 Jahren, war \nsie von den Frei\u00addenkern als weltliches Pendant zu Konfirmation und \nFirmung f\u00fcr agnostische Familien erfunden und, folgerichtig, vom \n\u201egottgl\u00e4ubigen\u201c F\u00fchrer sofort verboten worden. Umso seltsamer erscheint \nmir heute deshalb die Feier zu meinem vierzehnten Geburtstag, mit dem \nich \u201emannbar\u201c geworden war und an dem ich im Kreis \u201eder Sippe\u201c in einem \nfast identischen Ritual, gekleidet als junger Erwachsener, aus der \nKindheit entlassen wurde: feierliche Musik, Festrede, Geschenke \ninklusive. Nur die Inhalte waren verschieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Taufbibel war  die Prachtausgabe von Hitlers \u201eMein Kampf\u201c, die zum 50. Geburtstag des  F\u00fchrers in einer Sonderausgabe mit goldener Sonnenrune und Schwert auf  dem Einband herausgegeben worden war. Mein Patenonkel Duschi, er arbeitete damals im Innenministerium des Reichs in Berlin, hatte damals  auf das Vorblatt die Widmung geschrieben:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p> <em>\u201e Meinem lieben Patenkind und Neffen Adolf Albert Erwin R. v. Straub in Seewalchen mit den  aufrichtigsten Gl\u00fccks- und Segensw\u00fcnschen f\u00fcr ein starkes Leben im  Dienste unseres deutschen Volkes und der Idee unseres F\u00fchrers! Heil  Hitler!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und nun sollte ich, vierzehn Jahre sp\u00e4ter und neun Jahre \nnach Ende des Kriegs, in der Halle der Villa meines Gro\u00dfvaters in Urach \nauf den Einsatz f\u00fcr F\u00fchrer, Volk und Vaterland eingeschworen werden \u2013 \nbeziehungsweise das, was nach V\u00f6lkermord und Kapitulation davon noch \n\u00fcbrig geblieben war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mannbarkeitsfeier war Angelegenheit der \n\u201eSippe\u201c, ging also \u00fcber das rein Private hinaus, denn mit Sippe verband \nsich auf mystische Weise im v\u00f6lkischen Denken zugleich die gr\u00f6\u00dfere \nGemeinschaft, das \u201eVolk\u201c. Fraubarkeitsfeiern gab es \u00fcbrigens nicht und \nauch mein kleiner Bruder kam nicht in den Genuss dieser Feier, denn zu \ndiesem Zeitpunkt hatte die Ehe meiner Eltern ihr Ende schon erreicht und\n mein Vater war weggezogen. Wie bei der Jugendweihe war auch die \nMannbarkeitsfeier ein Initiationsritus, daf\u00fcr bestimmt, den Jugendlichen\n in die Gesellschaft der Erwachsenen aufzunehmen. Ich sollte an die\u00adsem \nTag zum Beispiel zum ersten Mal im Kreis der Erwachsenen Alkohol, \nn\u00e4mlich Sekt, trinken d\u00fcrfen. Freilich hatte ich schon zuvor heimlich \nallerlei probiert\u2026 Das Taschengeld wurde an diesem Tag erh\u00f6ht. Es war \nalso nicht mehr unbedingt n\u00f6tig, aus Mutters Haushaltskasse ab und zu \neinen Groschen zu entwenden, um im \u201eQuentzer\u201c Tom-Mix-Filme anzusehen. \nF\u00fcr diesen \u201eamerikanischen Schund\u201c h\u00e4tte man von den Eltern nie und \nnimmer freiwillig einen Zuschuss bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Feier war also ein ziemlich wichtiges Ereignis in meinem Leben. Dennoch erinnere ich mich nur an wenige Details.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor\n der Villa meines Gro\u00dfvaters am Hirschseeweg 1 erstreckte sich ein \npark\u00e4hnlicher Garten. Die Terrasse auf der S\u00fcdseite umspannte die ganze \nFront und ging auf ein Rasenparterre hinaus, das mit Blumenbeeten \nges\u00e4umt war. Gegen\u00fcber lag ein Pavillon, dessen rundes Dach auf S\u00e4ulen \nauflag und auf beiden Seiten in einem Laubengang auslief, an dessen \nMa\u00dfwerk sich Rosen empor rankten. Zwei geschwungene Treppen f\u00fchrten von \nder Terrasse auf die Kieswege, die das Parterre ums\u00e4umten. Auf der \nwestlichen Seite des Gartens schloss sich der Wirtschaftbereich an: eine\n kleine Wiese, \u00fcber die die W\u00e4scheleinen gespannt wurden, dahinter das \nGew\u00e4chshaus, glasbedeckte Fr\u00fchbeete und Beete, dann der Schuppen mit dem\n H\u00fchnerstall. Vor Gew\u00e4chshaus und Beeten, abgetrennt durch \nHaselstr\u00e4ucher, die den Komposthaufen verdeckten, breitete sich ein \nkleiner Obstgarten aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Eingang zur Villa lag an ihrer \nR\u00fcckseite, dem Hang zu. Eine breite Steintreppe f\u00fchrte von der Auf\u00adfahrt\n \u00fcber einen Windfang \u00fcbers Eck in die m\u00e4chtige Halle des Hochparterres. \nSie erweiterte sich zu dieser Au\u00dfentreppe in einen kleinen, leicht \nerh\u00f6hten Erker, durch dessen bleiverglaste Butzenscheiben freilich kaum \nLicht in die Halle fiel, obwohl sie fast die ganze Breite dieses Erkers \neinnahmen. Auch die Halle selbst war \u201ealtdeutsch\u201c gestaltet: braune \nBalken trugen die hohe Decke, die W\u00e4nde waren bis auf Mannsh\u00f6he von \ndunklen Holzpaneelen bedeckt und auch die T\u00fcren die von ihr abgingen, \nwaren dunkel gebeizt. Sie f\u00fchrten in den Saal und zum Herrenzimmer und \nzu einem kurzen Flur, der zu Tante Linas Reich und zum Speisezimmer \nf\u00fchrte. Linas Reich: das waren K\u00fcche und Speisekammer, Keller und \nWaschk\u00fcche, alle zug\u00e4nglich von diesem kleinen Flur, der sich zu einem \nkleinen Aufenthaltsraum er\u00adweiterte, an dessen Tisch Tante Lina ausruhen\n oder Nadelarbeiten verrichten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der Halle f\u00fchrte eine \nstattliche Treppe in das Obergeschoss der Villa, in dem die Schlafzimmer\n lagen und weiter hinauf in die Zimmer der Dienstboten. Das Licht aus \ndem Fenster des Treppenab\u00adsatzes ist in meiner Erinnerung st\u00e4rker als \ndas des gro\u00dfen, sechsarmigen h\u00f6lzernen Leuchters, der in der Mitte der \nHalle hing und sie im D\u00fcstern schweben lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Reich von Tante \nLina f\u00fchrte auch eine eigene Treppe aus dem Park, direkt in die K\u00fcche. \nEs war der Zugang f\u00fcr die Bauersfrauen gewesen, die dem Haushalt des \nHerrn Fabrikanten fr\u00fcher Eier, Gefl\u00fcgel, Obst und Gem\u00fcse zugeliefert \nhatten, wohl auch f\u00fcr anderes Dienstpersonal, wie den G\u00e4rtner F\u00fcllemann,\n der jenseits des H\u00fchnerstalls sein eigenes Haus hatte. Und f\u00fcr uns \nKinder, die gerne in den verwilderten Ecken des Parks Indianer spielten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\n Zugang \u00fcber die Halle war also ein f\u00f6rmlicher Weg, der zum \n\u201eherrschaftlichen\u201c, zum f\u00f6rmlichen Bereich f\u00fchrte \u2013 und der war wie die \nHalle: etwas d\u00fcster und streng geordnet. Linas Reich und der Zugang zu \nihm waren hell und nachsichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier muss ich den Bericht \u00fcber meine Mannbarkeit weiter unterbrechen, Tante Lina hat es mehr als verdient.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\n war gar keine Tante, sondern seit Jahrzehnten Gro\u00dfvaters Haush\u00e4lterin. \nSie kam aus einer Bauern\u00adfamilie aus Lonsingen, kaum zehn Kilometer von \nUrach entfernt, von der Hochebene der Schw\u00e4bischen Alb. Die kargen \nStein\u00e4cker, generationenlang durch Realteilung immer kleiner geworden \nund in der Gemarkung zerstreut, konnten kaum die Familien ern\u00e4hren. Die \nM\u00e4nner suchten Arbeit in den Fabriken im Tal, so auch in der \nTextilfabrik meines Gro\u00dfvaters, die M\u00e4dchen gingen, sofern sie eine \nfanden, \u201ein Stellung\u201c, wenigstens bis zu dem Augenblick, in dem sie \nheirateten.<\/p>\n\n\n\n<p>Lina verlie\u00df das Dorf und in der Kleinstadt, zwei Wegstunden unten im Tal bei der b\u00fcrgerlichen Ober\u00adschicht eingespannt,  fand sie offenbar keinen Mann, der ihr und ihrer Herrschaft gen\u00fcgt  h\u00e4tte. Vielleicht war es auch umgekehrt: sie ging in Stellung, weil sie  auf ihrem Dorf keinen Mann gefunden hatte. Und dann kam der Krieg, nach  dem keine M\u00e4nner mehr da waren, die einen h\u00e4tten heiraten k\u00f6nnen. So  blieb sie bei Gro\u00dfvater Erwin Gross, blieb auch, als nach dem Krieg die  Franzosen die Villa okkupiert hatten, Gro\u00dfvater allerdings dort wohnen  lie\u00dfen und Lina sogar gestatteten, mit den Lebensmittelabf\u00e4l\u00adlen im  Schuppen bei den H\u00fchnern ein Schwein f\u00fcr die Familie zu m\u00e4sten. Lina  sorgte weiter f\u00fcr Gro\u00df\u00advater und auch f\u00fcr die Franzosen und sommers  wanderten wir alle hinauf auf die Albhochfl\u00e4che, um dort auf den  \u00c4ckerchen ihrer Familie \u00c4hren zu lesen und bei der Heuernte zu helfen.  Ich glaube, es gab daf\u00fcr Bauernbrot aus dem Backhaus und Milch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn  ich \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von \u201eHerr und Knecht\u201c am Beispiel des Fabrikanten Erwin Gross und seiner Haush\u00e4lterin nachdenke, ger\u00e4t Einiges kategorisch durcheinander. So klar ist das Verh\u00e4ltnis n\u00e4mlich nicht,  wie es die Theorie will und wie sie zum Beispiel Bert Brecht  dramatisiert hat. Einmal war es gemildert durch das patriarchalische  Selbstverst\u00e4ndnis meines Gro\u00dfvaters, das F\u00fcrsorge f\u00fcr die ihm Unterstellten und ihre Familien implizierte. Zum Andern bewies sich in  der \u201eschlechten Zeit\u201c umgekehrt deren Anh\u00e4nglichkeit. Es bildete sich  hier ein Verh\u00e4ltnis von Reziprozit\u00e4t aus, das zwar asymmetrisch, aber doch, im Rahmen der jeweiligen M\u00f6glichkeiten, reziprok war.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur\u00fcck zu meiner Mannbarkeitsfeier.<\/p>\n\n\n\n<p>Man\n hatte zu diesem Festakt St\u00fchle so in die Halle gestellt, dass der \nbreite Aufgang zu den Oberge\u00adschossen als eine Art B\u00fchne genutzt werden \nkonnte. Seitlich zum Erker hin stand ein m\u00e4chtiger Musikschrank, \nvermutlich der Grundig aus unserem Haus, das kurz zuvor auf der Stelle \ndes alten Schuppen und H\u00fchnerstalls gebaut worden war. Es gab zur \nfeierlichen Einstimmung Beethovens \u201eWeihe des Hauses\u201c auf Schellack. \nVielleicht war es aber auch schon Vinyl, denn wenigstens technisch und \nwirtschaftlich war ja schon ein neues Zeitalter angebrochen. Vom \ngeistigen Gehalt meiner Mann\u00adbarkeitsfeier freilich l\u00e4sst sich dies \nnicht behaupten.<\/p>\n\n\n\n<p>An die Inhalte der einzelnen Reden kann ich mich  nicht erinnern. Vermutlich hielt mein Vater eine kleine Ansprache und  vermutlich betete er dabei die \u00fcbliche Litanei von Anstand, Ehre,  Kameradschaft, Stolz und Treue herunter und verga\u00df sicher nicht die  Pflichterf\u00fcllung und die Verkl\u00e4rung der Mutterschaft. Er hielt diese  Reden auch bei den Sonnwendfeiern im Reitverein und ich fand sie immer  etwas aufgebla\u00adsen. Das hatte auch mit einem Tick zu tun, den Vater hatte: am Ende eines besonders bedeutsamen Satzes, sei er patriotisch  oder v\u00f6lkisch aufgeladen, blies er Luft unter seine Oberlippe, sodass sich sein graues F\u00fchrerb\u00e4rtchen str\u00e4ubte. Das gab ihm, sicher gegen  seine Absicht, ein eher komisches denn bedeutsames Aussehen. Jedenfalls  machte mir dieser Effekt seine rhetorischen Leistungen zunichte. Zu diesem eher \u00e4sthetischen Zweifel kam ein praktischer: einige M\u00e4nner, die  er zu seinen Kameraden rechnete, waren eher gescheiterte Existenzen und  von geringerer Geisteskraft. \u201eAnst\u00e4ndiger Kerl\u201c nannte er jeden davon,  der seiner Meinung zu \u201eBesatzern\u201c und \u201eDemokratur\u201c beipflichtete und  blies zur Bekr\u00e4ftigung unter die Lippe. Ich hielt das, durchaus in  elit\u00e4rer Selbsteinsch\u00e4tzung, jeweils f\u00fcr Fehlurtei\u00adle: f\u00fcr mich waren  diese Kerle einfach bl\u00f6de. Aber es f\u00fchrte dazu, dass ich meinem Vater in  politischen Fragen bald kein Wort mehr glaubte.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht habe \nich deshalb gar nicht erst zugeh\u00f6rt oder gleich vergessen, was er sagte.\n Wenn er gesprochen hat, dann sicherlich \u00fcber die Pflicht. Um die ging \nes eigentlich immer, in Abwechslung mit dem Dienen oder in Kombination \nbeider. Und die Pflicht war auch Thema der Festrede. F\u00fcr sie hatte man \neinen fernen Onkel ausgew\u00e4hlt, den ich kaum kannte und der extra von \nStuttgart heraufgekommen war, ein Gymnasiallehrer, der so etwas wie \npastorale Autorit\u00e4t ausstrahlte, selbstverst\u00e4ndlich die streng \nprotestantische. Vielleicht war es aber auch noch die faschistische \u2013 \nder Unterschied zwischen beiden ist, rein \u00e4u\u00dferlich, ohnehin gering.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n wartete eigentlich nur darauf, endlich mein Geschenk inspizieren und \nauf den Kieswegen im Park ausprobieren zu k\u00f6nnen, ein Fahrrad Marke \n\u201eExpress\u201c mit einer Dreigang-Nabenschaltung. Das war damals technisch \nder letzte Schrei, so etwas hatten nur ganz Wenige von meinen \nMitsch\u00fclern und Freunden. Das w\u00fcrde mich ihnen gegen\u00fcber, vier Monate \nnachdem sie zur Konfirmation Uhren oder Fahrr\u00e4der geschenkt bekommen \nhatten, nun endlich wieder m\u00e4chtig in Vorteil setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00f6rte  meinem Onkel also entsprechend zerstreut zu, bis er mir zum Schluss mein  Lebensmotto, analog den Bibelspr\u00fcchen, die meine Freunde zur  Konfirmation bekamen, mit auf den weiteren Lebensweg gab. Er ist von  Rabindranath Tagore und geht so: <em>\u201eIch schlief und tr\u00e4umte, das Leben sei  Freude. Ich erwachte und sah, das Leben ist Pflicht. Ich tat meine  Pflicht und siehe: die Pflicht ward Freude.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zufall oder Absicht: \nin gewisser Weise bezog sich dieser Spruch auf Patenonkel Duschis \nWidmung in Hitlers \u201eMein Kampf\u201c. Was mich dabei \u00fcberraschte war, dass \nein Inder solch preu\u00dfischen Quark von sich gegeben hatte. Ich hasste \ndiesen Spruch vom ersten Moment an und habe ihn wohl deshalb nie \nvergessen k\u00f6nnen. Und mich daher vermutlich im Zweifel auch an ihn \ngehalten. Sollte es so gewesen sein, kann ich jedoch versichern: der \nSpruch ist falsch. Zumindest die letzte Aussage kann einen generellen \nAnspruch auf Wahrheit nicht erheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum aber gerade Tagore, der\n Inder? Es hat vermutlich mit ihm und seinem Werk weniger zu tun, als \nmit der Seelenlage der b\u00fcrgerlichen Jugend nach dem ersten Weltkrieg, \nunserer Elterngeneration, die sich nach dem zweiten anschickte, als \nb\u00fcrgerliche Mitte in der neuen Bundesrepublik anzukommen. Der erste \nLiteratur-Nobelpreistr\u00e4ger, der nicht aus der europ\u00e4ischen Literatur- \nund Sprachtradition stammte, war ihnen eine ideale Projektionsfl\u00e4che. \nPh\u00e4notypisch stand er in der Tradition des \u201eOrientalismus\u201c, mit dem sich\n schon unsere Gro\u00dfeltern aus den moralischen Zw\u00e4ngen des Kaiserreichs \ngetr\u00e4umt hatten. Nach den Verw\u00fcstungen des ersten Weltkriegs r\u00fchrten nun\n seine gef\u00fchligen und leicht esoterischen Gedichte und Aphorismen die \nHerzen ihrer Kinder, die aus der spie\u00dfigen Enge der Untertanengesin\u00adnung  ausbrechen\n wollten. F\u00fcr viele aus dem \u201eWandervogel\u201c wurde Tagore so etwas wie ein \nHausheili\u00adger, umso mehr, nachdem er die \u201eNerother\u201c auf der Burg Waldeck\n besucht hatte. Und seiner Beliebtheit kam zugute, dass er als \u201eArier\u201c \ngalt, was ihn auch Nazi-kompatibel machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Jacob Wilhelm Hauer \njedenfalls, T\u00fcbinger Religionswissenschaftler, Indologe und Begr\u00fcnder \ndes pietistisch fundierten \u201eK\u00f6ngener Bundes\u201c, war fest davon \u00fcberzeugt, \ndass die Wiege der arischen Rasse in Indien gestanden und die \npietistische Spiritualit\u00e4t indische Wurzeln hatte. \u201eDeutscher Glaube\u201c, \ndie von ihm herausgegebene Monatsschrift der Deutschen Glaubensbewegung,\n trug auf dem Titel dieselbe Sonnenrune wie meine \u201eTaufbibel\u201c. Und Hauer\n \u2013 \u00fcber Mutter bin ich irgendwie weitl\u00e4ufig mit ihm verwandt \u2013 wurde \neiner der linientreuesten Naziprofessoren T\u00fcbingens. Als ich dort zu \nstudieren begann, lebte er noch. Dem Vorschlag aus der Familie, ihn dort\n einmal aufzusuchen, bin ich nicht gefolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Onkel Rudolf  Stahlecker, mein Festredner, geh\u00f6rte bestimmt auch zu den \u201eK\u00f6ngenern\u201c,  mit denen meine Mutter freundschaftlichen Verkehr pflegte. Zumindest  hatte sie so enge Beziehungen zu dieser Wandervogel-Gruppierung, dass  sie in h\u00f6herem Alter, \u00fcber zehn Jahre nach der Scheidung, mit einem der fr\u00fcheren Freunde aus dem Bund zusammenzog. Gustav war in meinen Augen  ein etwas fr\u00f6mmeln\u00adder Langweiler, aber man soll seinen alten Eltern  nicht reinreden. Ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der K\u00f6ngener lief \u00fcbrigens  bedingungslos zum Nationalsozialismus \u00fcber, die andere H\u00e4lfte hielt eine  gewisse Distanz. So kann es mit Mutters sp\u00e4terem Lebensgef\u00e4hrten  gewesen sein, mit Onkel Rudolf eher weniger. Mutter aber wurde  BDM-F\u00fchrerin und geh\u00f6rte bis Kriegsende zur NS-Frauenschaft in  Seewalchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur\u00fcck zu Rabindranath Tagore. Er passte nun \nauch nach dem zweiten Weltkrieg ganz pr\u00e4chtig in die sich langsam \nver\u00e4ndernde Gesellschaft und das beginnende Wirtschaftswunder. F\u00fcr die \nalten Nazis stand er, trotz oder gerade wegen der j\u00fcngsten Niederlage \ngegen den \u201ej\u00fcdisch-bolschewistischen Pluto\u00adkratismus\u201c, f\u00fcr die \n\u00dcberlegenheit der arischen Rasse. Denn schlie\u00dflich war auch er ein \nK\u00e4mpfer, n\u00e4m\u00adlich f\u00fcr die Befreiung Indiens aus dem kolonialen Joch des \n\u201eperfide Albion\u201c, einem der wichtigen Vertre\u00adter der weltweiten \nVerschw\u00f6rung gegen das Deutsche Reich. Den jungen Demokraten \nrepr\u00e4sentierte er dagegen eine neue Weltl\u00e4ufigkeit, die sich bei ihm vor\n allzu unverst\u00e4ndlich Exotischem nicht zu f\u00fcrchten brauchte. Tagore war \nein idealer \u00dcbergang von Blut, Boden und Befehl zu Ferienreise, \nFresswelle und Petticoat, inclusive Seelenschmalz und neuer \nInnerlichkeit. Kein Wunder, dass Onkel Rudolf bei ihm nachgeschlagen \nhatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wusste lange nicht, ob mein Onkel Rudolf Bruder oder \nVetter des ber\u00fcchtigten Heydrich-Assistenten und Judenschl\u00e4chters Walter\n Stahlecker war. Mein Gef\u00fchl sprach zwar daf\u00fcr, dass sie eng verwandt \ngewesen sind. Denn sonst w\u00e4re doch irgendwann einmal in der Familie die \nSprache auf die fatale Namensidentit\u00e4t gekommen, auch wenn \u00fcber die \nVerbrechen der Nazis kaum je gesprochen worden ist. Erst mein Bruder \nbest\u00e4tigte k\u00fcrzlich die verwandtschaftliche Beziehung: Walter und Rudolf\n waren Br\u00fcder. Und mein Bruder war um das Jahr 1958 \u00fcber diese Beziehung\n als Auszubildender nach Gut Bomlitz in der L\u00fcneburger Heide vermittelt \nworden. Dort lebte Gabriele von G\u00fcltlingen, Walter Stahleckers Witwe, \nnun mit einem Herrn Bittelmann verheiratet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch immer sich \nRudolf in der Nazizeit verhalten haben mag &#8211; jedenfalls war mein Onkel \nbelastet genug, dass er einige Jahre lang aus dem Schuldienst fern \ngehalten wurde. Offenbar besch\u00e4ftigte er sich aber nach der \nBesatzungszeit, wie und unter welchem Vorzeichen auch immer, um die \n\u201eErneuer\u00adung von Bildung und Erziehung in W\u00fcrttemberg\u201c. Im Landesarchiv,\n das den Nachlass des damaligen Erziehungsministers verwaltet, findet \nsich jedenfalls unter seinem Namen die Denkschrift einer entspre\u00adchenden\n Organisation aus dem Jahr 1952 \u00fcber die soziale Herkunft und Lage von \nSch\u00fclern an einem Stuttgarter Gymnasium. Das k\u00f6nnte die Vermutung nahe \nlegen, er habe sich zu dieser Zeit politisch eher im Umkreis der CDU, \ndenn weiter rechts angesiedelt. Doch das kann auch t\u00e4uschen: in diesen \nJahren versuchten z.B. mein Vater und viele seiner Gesinnungsgenossen \ndurch Masseneintritte die FDP im Nazi-Sinn zu wenden, nachdem die \nDeutsche Reichspartei verboten worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Taufpate, Onkel \nDuschi, erlebte meine Mannbarkeit nicht. Er fiel in den allerletzten \nTagen des Krieges in Istrien. Es ist unklar, wo genau er umkam und wie. \nAuch die Briefe, die Tante Anna von seinen Kameraden bekam, geben keinen\n genauen Aufschluss: eine Einheit der Wehrmacht war dort eingeschlossen \nworden, die Nachrichtenverbindungen waren abgerissen. Duschi wurde als \nMeldeg\u00e4n\u00adger mit dem Motorrad losgeschickt, um Informationen dieser \nEinheiten f\u00fcr den Ausbruch aus dem Kes\u00adsel von Zabice zum Kommando zu \nbringen. Von dieser Fahrt kam er nicht zur\u00fcck und niemand wei\u00df genau, \nwas mit ihm geschehen ist. Es gab dort ein Massaker, die grauenvolle \nRache jugoslawischer Einheiten an den deutschen Eroberern: \u00fcber \ndreihundert von ihnen seien dort gefangen, nackt ausge\u00adzogen und dann \nerschossen worden \u2013 so der Bericht eines Entkommenen. Doch ob Duschi \ndarunter war, wusste er auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum war Onkel Duschi \n\u00fcberhaupt an der Front? Dr. jur. Adolf Straub hatte das Innenministerium\n in Berlin 1941 verlassen und war als Landrat nach Leitmeritz gegangen. \nIn seinem Landkreis, der Stadt gegen\u00fcber, am andern Ufer der Elbe, liegt\n Theresienstadt in Sichtweite.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob er dorthin aus \neigenem Wunsch versetzt worden war. Er verlie\u00df jedenfalls Berlin, das \nMinisterium und seine Wohnung in der Knesebeckstrasse im Unfrieden. Der \nFamiliensaga nach hatte ein Vorgesetzter von ihm verlangt, ihm \u201eeene \nfette Jans\u201c von einer Dienstreise ins \u201eProtektorat B\u00f6hmen und M\u00e4hren\u201c \nmitzubringen. Duschi sei \u00fcber diese Zumutung sehr emp\u00f6rt gewesen und \nhabe dies auch deutlich gezeigt. Dies habe dazu gef\u00fchrt, dass seine \nPosition im Ministerium unhaltbar wurde. Offenbar war es als \nDegradierung gedacht, dass er nach Leitmeritz versetzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir \nhaben zwar einen qualifizierten Historiker in der Familie, Enkel von \nDuschi und die Personalakten des Innenministeriums liegen, neben den \nParteiakten der NSDAP, in Dahlem im Archiv. Aber bis Dr. Chiari von \nPotsdam dorthin findet, gibt es f\u00fcr diese Episode keine \nwissenschaftliche \u00dcberpr\u00fcfung. Das gilt auch f\u00fcr das Weitere.<\/p>\n\n\n\n<p>Anna-Tant\n war gelernte Sozialarbeiterin. Und schweigsam, wie unsere \nElterngeneration insgesamt zu ihren Biografien im Nazismus waren. Als \nich sie einmal direkt auf das KZ Theresienstadt ansprach &#8211; vermutlich \nmit den Worten: \u201eDu musst doch etwas gewusst haben\u2026\u201c, eine Redewendung, \nnicht gerade geeignet, verschlossene Lippen zu l\u00f6sen \u2013 wollte sie nicht \nantworten. Aber die Hinweise meiner Cousi\u00adne Traudl legen nahe, dass \nAnna und Duschi in Leitmeritz ihre Nazi-Unschuld, soweit es die \n\u00fcberhaupt gab, eingeb\u00fc\u00dft haben. Denn Anna verpflichtete sich dort dem \nSicherheitsdienst; es bleibt dahingestellt, ob freiwillig oder \ngezwungen, aus \u00dcberzeugung oder zum Schutz ihres Mannes. Duschi, der \nLandrat, machte n\u00e4mlich die Bekanntschaft eines tschechischen \nMathematik-Professors. Traudl, damals zehn Jahre alt behauptet, sie \nh\u00e4tten zuhause nicht miteinander Schach gespielt, wie ich es mir nach \nihren ersten Erz\u00e4hlungen ausgemalt hatte. Aber der Mathe-Professor sei \nein Widerstandk\u00e4mpfer gewesen, der Duschi Vieles berichtet habe. Und \nAnna-Tant und die Haush\u00e4lterin des Professors h\u00e4tten ihn identi\u00adfizieren\n m\u00fcssen, nachdem ihn die Gestapo zu Tode gepr\u00fcgelt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Duschi \nmeldete sich danach, es war wohl im April 1944 und der Krieg l\u00e4ngst \nverloren, \u201efreiwillig\u201c an die Front. F\u00fcr ein starkes Sterben f\u00fcr unser \ndeutsches Volk und die Idee unseres F\u00fchrers?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe da Zweifel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der \u201etageszeitung\u201c schildert eine Journalistin das Fortleben der \u201eJugendweihe\u201c im Osten der Republik und die Probleme, die sie als Mutter einer pubertierenden Tochter damit hat. Denn sie erinnert sich an das Ritual, das sie selbst in der Zeit des \u201ereal existierenden Sozialismus\u201c im Saal des Kino International in der Karl Marx Allee durchlitt. 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