{"id":24,"date":"2008-08-22T21:09:36","date_gmt":"2008-08-22T19:09:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.achteraus.de\/?p=24"},"modified":"2019-11-01T21:21:24","modified_gmt":"2019-11-01T20:21:24","slug":"agnoli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteraus.de\/index.php\/2008\/08\/22\/agnoli\/","title":{"rendered":"Agnoli"},"content":{"rendered":"\n<p>Johannes Agnoli ist tot. Rudi Schmidt schickte einen  Nachruf von Wolf-Dieter Narr aus der heutigen FR herum, sonst h\u00e4tte ich  wieder einmal nichts mitbekommen. Narr schreibt \u00fcber Agnolis \u201edeutsche\u201c  Sozialisation in Urach und die Verbindung zum Schw\u00e4bischen, die  widerspruchsfrei nat\u00fcrlich nicht war, auch wenn sie in Narrs Nachruf die  Stelle des Heimeligen zu vertreten hat. In Urach hie\u00df er Agn\u00f3li,  deutsch betont und er war ein Au\u00dfenseiter, der \u201cItaliener\u201c, Jahre bevor die regul\u00e4ren italienischen \u201eGastarbeiter\u201c kamen und er blieb etwas  Besonderes, einer, aus dem man nicht so recht schlau wurde. Ich lief ihm damals wohl \u00f6fter \u00fcber den Weg denn er wohnte auch in der  M\u00fcnsingerstrasse, zwischen Hagen und mir, drei H\u00e4user weiter bei zwei  \u00e4ltlichen Schwestern, deren Namen ich vergessen habe und die sicherlich  nur meinen Kinderaugen \u00e4ltlich erschienen, wie manch andere kaum Vierzigj\u00e4hrige auch, deren M\u00e4nner vor Stalingrad verreckt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Hannes  arbeitete auf dem Holzplatz, das war schwere k\u00f6rperliche Arbeit und  eigentlich passte das gar nicht zu dem schm\u00e4chtigen Kerl. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mein kleiner  Bruder, der nahe Holzplatz zog die Kinder der Nachbarschaft magisch an,  schloss mit ihm dort Freundschaft. Mein Revier war damals schon gr\u00f6\u00dfer,  mich interessierten eher die Mitgliedschaft in der Ritter-Bande auf dem Gel\u00e4nde der Ritterschen S\u00e4gm\u00fchle am Ortsausgang und die Waldabenteuer  mit G\u00fcnter M\u00fcnzing. Und dann die Pferde und die Reiterei. (Gar nicht  solange danach kamen Heide G. dazu, der Expressionismus, Franz Kafka und der Mythos von Sysiphos.) So ist meine Erinnerung an Agnoli zu dieser  Zeit denn auch weniger physisch als eher literarisch, denn es umgab ihn  so etwas wie ein kleines Geheimnis seiner Herkunft. Es hie\u00df, er sei,  damals fast noch ein Kind, alleine mit den k\u00e4mpfenden deutschen Truppen  \u00fcber die Alpen gekommen. Es war eine Art \u201eWerwolflegende\u201c, die mit  seinem Alter \u00fcberhaupt nicht \u00fcbereinstimmte. Aber die falangistische M\u00e4r  machte sich zumindest gut. Eigentlich h\u00e4tte das ein fantastischer  \u201ecredit\u201c in unseren Familienkreisen sein m\u00fcssen, aber ich hatte schon fr\u00fch eine instinktive Abneigung gegen \u2013 ja wogegen eigentlich? Gegen Nazitum? Ich wei\u00df nicht, davon hatte ich doch damals keinen Begriff. Es  waren die Erscheinungen, Umgangsformen, Sprech- und Verhaltensweisen der  Menschen, die dem \u201eF\u00fchrer\u201c gefolgt waren und ihm immer noch mehr oder  eher weniger heimlich folgten, die ich nicht mochte. Und da bezog ich ja  auch meinen Mitsch\u00fcler Hagen mit ein, der in der M\u00fcnsingerstrasse neben dem \u201eKonsum\u201c wohnte und von dem es hie\u00df, seinen Vater h\u00e4tten sie  aufgeh\u00e4ngt, als das KZ befreit wurde, das er mit bewacht hatte. Um  ehrlich zu sein, Johannes Agnoli war mir, vielleicht auch seiner Legende  wegen, vor allem da er schon erwachsen und ich ein kaum halbw\u00fcchsiger,  arroganter Bengel war, ziemlich egal &#8211; was ich erst ein paar Jahre  sp\u00e4ter zu bedauern begann. Damals kannte ich ihn nur \u201evom Wegsehen\u201c und  ich lernte ihn auch sp\u00e4ter leider nie kennen. Irgendwann war er nicht  mehr da, das hei\u00dft: eigentlich zogen wir fort, ins Eigenheim im Hirschseeweg und da ich ihn nicht mehr sah, verga\u00df ich ihn einfach. <\/p>\n\n\n\n<p>Bis  Otto Strasser kam und im Saal des Bahnhotels in Urach die  Deutsch-Soziale Union gegr\u00fcndet wurde. Da war ich noch keine sechzehn,  mein Vater geh\u00f6rte zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern und Gewerkschaften und  SPD hatten aus Mannheim und Zuffenhausen in Sonderz\u00fcgen Arbeiter zur  Kampfdemonstration nach Urach geschafft. Der Redner auf der Kundgebung  gei\u00dfelte die Nazimachenschaften der rechten \u201eHerren\u201c dieser neuen Partei  der \u201eewig Gestrigen\u201c. Und nannte die Namen und ihre Verbindungen zur  Industrie. Er nannte auch den des Herrn Ritter von Straub und mein armer  Vater musste als Beweis f\u00fcr die alte Verbindung von Junkertum und  Gro\u00dfindustrie herhalten. Dabei kam der aus dem besitz- und mittellosen  \u00f6sterreichischen Beamten- und Milit\u00e4radel und die Gro\u00dfindustrie war nur  insofern gross, als sie \u201eGebr\u00fcder Gross\u201c hie\u00df und Gro\u00dfvaters Spinnerei  und Weberei war, ein typisches schw\u00e4bisches Familienunternehmen, das etwa 400 Leuten aus der Stadt Urach und den umliegenden Albgemeinden Lohn und Brot gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ich stand in der Menge dieser fremden \nMenschen und hatte Angst, man k\u00f6nne mich als Sohn dieses politischen \nHasardeurs erkennen und stellvertretend entsprechend behandeln. Nach der\n Kundgebung unter den Kastanien im Turnhallegarten beherrschten sie die \nStrassen und Gasth\u00e4user der Stadt, auch die mit \u00fcblem Leumund, in die \nman als moralischer Mensch nicht ging. Sie waren gro\u00dfspurig, laut und \nordin\u00e4r und rochen nach Bier und Schnaps, ein fremder Stamm, der von \nunserem verschnarchten St\u00e4dtchen Besitz ergriffen hatte. Diese Leute \nwaren mir suspekt, aber ich musste einfach herumlaufen und sie mir \nansehen, auch wenn ich weiter Angst hatte, entdeckt zu werden. Denn an \nihnen war zugleich etwas, das unserer verklemmten kleinen Welt fremd \nwar: eine pr\u00e4sente K\u00f6rperlichkeit. \u201eDas Fleisch bricht auf in den \nVorst\u00e4dten&#8230;\u201c Ohne sie, das geh\u00f6rt zur Ironie der Geschichte, h\u00e4tte ich\n mir sp\u00e4ter nicht vorstellen k\u00f6nnen, was Brecht damit sagen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich  ging \u00fcbrigens nicht in die N\u00e4he des Bahnhotels. Mit diesen Leuten  wollte ich nun gar nichts zu tun haben. Otto Strasser, dem ich tags  zuvor als \u00e4ltester Sohn des Hauses pr\u00e4sentiert worden war und den  Handschlag nicht verweigern konnte, war ein alter Mann und trotz seines  Rufs als K\u00e4mpfernatur umgab ihn eher die Aura eines Verlierers. Er gefiel mir nicht. Er schien mir auch nur einer von diesen Maulhelden,  die nichts konnten, als \u00fcber Ehre, Treue, Gemeinschaft, Volk und  deutsche M\u00fctter faseln und all das, was mich damals zu interessieren und  meinen Geist zu befreien begonnen hatte, f\u00fcr einen Teil der  \u201ej\u00fcdisch-bolschewistischen Weltrevolution\u201c erkl\u00e4rten, die uns zu  unterjochen suchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am \u00fcbern\u00e4chsten Tag stand im \u201eErmstalboten\u201c  eine lange Reportage vom Gr\u00fcndungsparteitag der DSU, zu dem die Presse  im \u00dcbrigen nicht zugelassen worden war. Der Bericht kam, soweit ich mich  erinnere, ohne gro\u00dfe Ideologiekritik aus, sondern charakterisierte die  Peinlichkeit dieser Partei anhand ihres Erscheinungsbildes. Die Gr\u00fcnder  waren beispielsweise alle in gleichfarbigen Hemden erschienen. Der  Reporter hatte Strasser gefragt, ob das denn nicht gegen das damals  geltende \u201eUniformverbot\u201c verstie\u00dfe, seine d\u00fcmmliche Ausrede w\u00f6rtlich  zitiert und ihn damit l\u00e4cherlich gemacht. Es war Agnoli, der sich dort  eingeschlichen hatte. Er sei einfach da hingegangen, erz\u00e4hlte er mir  Jahre sp\u00e4ter, habe gesagt, er sei der Doktor Agnoli von der Universit\u00e4t  und wolle da rein. Die seien so stolz darauf gewesen, einen richtigen Doktor unter sich zu haben, dass sie ihn ohne weitere Fragen als Teilnehmer zugelassen h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war schon in Berlin. Denn als  ich in T\u00fcbingen zu studieren begann, war er dort wohl schon weg. Als ich an die FU kam, war Agnoli schon da. Ich fand ihn im  Vorlesungsverzeichnis und teilte das br\u00fchwarm meiner Mutter mit. Sie  sagte: <em>\u201eSo? Assischdend isch der? Na verdiend\u2019r ja gnuag, dassr denne  Frailain dia 300 Mark zrickzahle ka, dia er sich bei denne vor a paar Johr ausglia hat. Sag em dees.\u201c<\/em> Die prompte Antwort aus Urach war nicht  nur typisch f\u00fcr die soziale Ordnung und das kollektive Ged\u00e4chtnis der  Provinz, sondern auch ein Befehl, den ich zu befolgen hatte. Es war der  Befehl einer Provinz, der ich entflohen war und immer noch weiter entfloh und er lud mir alten Ballast auf, den ich abgesch\u00fcttelt hatte  und doch noch weiter absch\u00fctteln musste. Eine doppelt widersinnige und  l\u00e4cherliche Geschichte, aus der es keinen geordneten Ausweg gab. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich  ging also zu Agnoli und sagte ihm, er solle doch bitte die Schulden bei seinen alten Wirtinnen begleichen. Mittlerweile waren sie wirklich  schon alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war mir ziemlich unangenehm. Und Agnoli reagierte \nauch ersichtlich befremdet. Die Situation war mir so saum\u00e4\u00dfig peinlich, \ndass ich jahrelang gar nicht erst seine N\u00e4he suchte, obwohl ich doch \nPolitikwissenschaft studierte und mich links f\u00fchlte. Ich ging auch nicht\n in den Republikanischen Club, obgleich das nahegelegen h\u00e4tte und alle \ndort hingingen &#8211; mein Revier war halt wieder woanders. <\/p>\n\n\n\n<p>Mitte der  Siebziger kandidierte ich am Kudamm f\u00fcr das Abgeordnetenhaus. Johannes  Agnoli wohnte in der Sybelstrasse. Beim Canvassing klingelte ich bei ihm  und wollte ihn davon \u00fcberzeugen, mich zu w\u00e4hlen, den Ex-JuSo mit der \u201eDoppelstrategie\u201c. Er machte sich etwas lustig \u00fcber meine Vorstellung,  damit gesellschaftlich etwas ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Ich hatte seine  \u201eTransformation der Demokratie\u201c wohl nie gelesen (im B\u00fccherschrank  jedenfalls fehlt sie) und vermutlich merkte er das meinen Antworten an.  Jedenfalls hatte er weder Zeit noch Lust, sich l\u00e4nger mit mir \u00fcber die  M\u00f6glichkeiten parlamentarischer Strategien und revisionistische  Illusionen zu unterhalten. In mir keimte der Argwohn, er k\u00f6nne mich  insgeheim, sp\u00f6ttisch und scharfz\u00fcngig im Denken wie er war, mit meinem  Vater vergleichen, der ja auch ein Illusionist gewesen war, wenngleich  von rechts und dabei so unsagbar emotionsgesteuert und vernagelt, dass  schon die Vermutung eines Vergleichs mich hilflos zornig machte. <\/p>\n\n\n\n<p>Agnoli\n vertr\u00f6stete mich auf einen sp\u00e4teren Termin, der aber nie zustande kam. \nIch versuchte es nur noch einmal, aber er zeigte keine besondere Neugier\n auf mich und ich hatte den stillen Verdacht, dass uns nicht nur \npolitische Grunds\u00e4tze sondern genau das trennte, was andere sonst \nzusammenbringt: die biografischen Ber\u00fchrungen in der Provinz. Denn auch \nAgnoli hatte sie bewusst und nachhaltig verlassen. Selbst wenn er, wie \nNarr schreibt, im Schw\u00e4bischen \u201edeutsch sozialisiert\u201c worden sein sollte\n und mit dem Schw\u00e4bischen kokettiert habe, war es ihm wohl eher eine \nleidige Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau dar\u00fcber h\u00e4tte ich vielleicht mit ihm \nreden sollen, dar\u00fcber wie wir und woraus wir und warum wir das geworden \nsind, was wir waren, geistige und regionale Heimatprovinzen verlassend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Agnoli ist tot. Rudi Schmidt schickte einen Nachruf von Wolf-Dieter Narr aus der heutigen FR herum, sonst h\u00e4tte ich wieder einmal nichts mitbekommen. 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