{"id":17,"date":"2013-02-02T20:39:51","date_gmt":"2013-02-02T19:39:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.achteraus.de\/?p=17"},"modified":"2019-11-01T21:02:56","modified_gmt":"2019-11-01T20:02:56","slug":"regierungs-und-andere-wechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteraus.de\/index.php\/2013\/02\/02\/regierungs-und-andere-wechsel\/","title":{"rendered":"Regierungs- und andere Wechsel"},"content":{"rendered":"\n<p>Wir\n hatten 1981 die Wahl verloren. Das war vorher schon abzusehen gewesen. \nUnd es waren eigentlich auch gar nicht \u201ewir\u201c gewesen, die verloren \nhatten, die Linken \u2013 vergeigt hatten es Stobbe, Grimming, Rieb\u00adschl\u00e4ger \n&amp; Co. Erinnert sich jemand noch an die Namen und Gesichter? Nicht \neinmal ich, der ich sie auf vielen Parteitagen aus leidvoller N\u00e4he \nerlebt habe. Aber sie waren mir sowieso immer zuwider gewe\u00adsen, Dietrich\n Stobbe schon rein k\u00f6rperlich. Ihn umgab eine Fettschicht \nkleinb\u00fcrgerlicher Selbstgerech\u00adtigkeit, die ihn f\u00fcr Zweifel unanf\u00e4llig \nmachte, nicht aber f\u00fcr weitere Verwendung: nach seinem Fiasko als \nRegierender B\u00fcrgermeister wurde er \u00fcber die Friedrich Ebert Stiftung \nnach New York entsorgt und ich h\u00f6rte danach nie wieder etwas von ihm, so\n dass ich annahm, er sei mittlerweile tot. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch  weit gefehlt: das Landesarchiv sagt in seiner Kurzbiographie:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p> <em>\u201eAm 1.  September 1991 trat er als leitender Mitarbeiter in den Dienst eines  amerikanischen Anlageberatungsunternehmens, das Strate\u00adgien f\u00fcr  Aktivit\u00e4ten in den neuen Bundesl\u00e4ndern entwickelt.\u201c<\/em> Das hei\u00dft: er  tingelt seither durch die Gegend, kn\u00fcpft Verbindungen, belebt alte  Bekanntschaften, dr\u00fcckt hier ein bisschen, dort zieht er F\u00e4den \u2013 kurzum:  er macht genau so weiter, wie er seine Landesregierung ins Nichts  steuerte, als Lobbyist seiner selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen  Grimming war politisch dagegen ein kleineres Licht. Er war der Terrier,  den Kurt Neubauer auf die Parteilinke und hier vor allem auf uns JuSos  angesetzt hatte. Grimming spielte den Wadenbei\u00dfer und Haudrauf, aber er  \u00fcberraschte dabei wenigstens manchmal mit dem Mutterwitz der  proletarischen Hinterh\u00f6fe. Zur Belohnung wurde er kaufm\u00e4nnischer  Direktor der defizit\u00e4ren Porzellanmanufaktur \u2013 niemand begriff, was ihn  dazu eigentlich bef\u00e4higte. Und kurz darauf musste er auch schon wieder  gehen: er hatte zwei Abteilungsleitern, auch sie Genossen, eine  Gehaltserh\u00f6hung spendiert. Man l\u00f6ste den Abgang elegant: Grimming ging  in den Bundestag und lie\u00df sich bei der KPM \u201ebeurlauben\u201c. Das Letzte, was  \u00fcber ihn \u00f6ffentlich zu h\u00f6ren war, ist vom Berliner Journalistenverband,  der \u00fcber die Pensionsr\u00fcckstellungen f\u00fcr seinen ehemaligen  Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Pleite gegangen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus  Riebschl\u00e4ger war von den Dreien der Gerissenste. Ein Karrierist, den  ich nie anders erlebte, als zerfressen von Ehrgeiz, innerlich verspannt,  von Misstrauen und Selbstkontrolle gepeinigt. Er war Teil dieses  korrupten Netzwerks, aber er verstand es, sich nicht soweit gemein zu  machen, dass man ihm etwas h\u00e4tte nachweisen k\u00f6nnen. Daf\u00fcr war er  schlie\u00dflich zu sehr Jurist. Alle Spenden der Bauindustrie hatte er als  Schatzmeister der Berliner SPD nach Recht und Gesetz verbucht und f\u00fcr  die Vergabe der Auftr\u00e4ge waren andere zust\u00e4ndig. Als ich f\u00fcr das  Abgeordnetenhaus kandidierte, vermittelte mir ein JuSo-Genosse die  Spende einer Schnapsfirma, bei der er arbeitete. Sie war f\u00fcr mich  pers\u00f6nlich, f\u00fcr meinen Wahlkreis und nicht besonders hoch, ein Tausender  h\u00f6chstens. Der Spender wollte nicht einmal eine Spendenbescheinigung.  Die einzige Bedingung war: Klaus Riebschl\u00e4ger sollte unbedingt erfahren,  dass die Firma gespendet hatte. Ich brauchte nicht zu fragen, warum.<\/p>\n\n\n\n<p>Die  hatten das vergeigt, nicht wir. Und nat\u00fcrlich ein paar andere mediokre  Figuren aus der rechten SPD mit ihnen auch. Berlin b\u00fcrgte mit 115 Mio DM  f\u00fcr einen Bauunternehmer, der in Saudi Arabien und Jordanien das gro\u00dfe  Gesch\u00e4ft machen wollte. Als Dietrich Garski seine Projekte in den  W\u00fcstensand gesetzt hatte, wurden die Landesb\u00fcrgschaften f\u00e4llig. Das war  das T\u00fcpfelchen auf dem \u201ei\u201c einer Serie von Berliner Bauskandalen der  70er. W\u00e4hrend in diesem Fall das Land Berlin, also der Steuerzahler f\u00fcr  die Kosten gerade stand, hatte ein paar Jahre zuvor die Berliner  Bauunternehmerin Sigrid Kressman-Zschach Geld f\u00fcr das Land ausgegeben,  genauer f\u00fcr einen Staatssekret\u00e4r, dem sie ein verl\u00e4ngertes Wochenende mit Sch\u00e4ferst\u00fcndchen spendete. Es war, glaube ich, ein Nobelhotel am  Wolfgangsee, wo sie sich ihn ins Bett holte. Leute, die sie n\u00e4her zu  kennen vorgaben behaupteten, sie habe ihre Interessen h\u00e4ufiger mit  vollem K\u00f6rpereinsatz verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das\n konnte ich gut nachvollziehen aber leider konnte ich selbst bei ihr \nnicht damit rechnen. Mein Einfluss war h\u00f6chstens rhetorischer Art und \nauf kleinere Sektoren der Charlottenburger Partei und die JuSo\u2019s \nbeschr\u00e4nkt. Auch in der Fraktion der BVV, dem Dorfparlament von \nCharlottenburg, war ich eher bei der Minderheit. Das traf auch in diesem\n Fall zu, es muss wohl 1973 gewesen sein, bei der Ausschussberatung zur \n\u00c4nderung des BPlans f\u00fcr das Kurf\u00fcrstendamm-Karree. Es war ein Projekt \nder sch\u00f6nen Sigrid und wir sollten der Erh\u00f6hung der Geschosszahl von 21 \nauf 23 zustimmen. Das Hochhaus war im Rohbau so gut wie fertig, die \nZeitungen schrieben aber, auf dem Dach solle noch ein Schwimmbecken \ngebaut werden. Also ging ich hin und z\u00e4hlte die Geschosse. Es waren \nschon 23, was mich nicht so richtig am\u00fcsierte. <\/p>\n\n\n\n<p>Die\n Bauherrin wurde in den Ausschuss eingeladen. Sie zog ein, geh\u00fcllt in \nein elegantes Kleid und stilles Leid. Ihr Tonfall war aschfahl wie das \nweiche Tuch, das ihr nur knapp bis \u00fcber die Knie fiel. Sie blickte in \nden Abgrund, den Ruin ihres Lebenswerks vor Augen. Sie spielte die Rolle\n pr\u00e4chtig: die zwei Geschos\u00adse entschieden \u00fcber Wohl oder Wehe ihrer \nExistenz als Unternehmerin, als Frau. Sie bat nicht um die \u00c4nderung des \nBPlans, sondern sozusagen um Erbarmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst  als ich ihr etwas grob zu verstehen gab, sie solle nicht so tun, die  beiden Geschosse seien ja schon drauf, blieb sie im Tonfall der  leidenden Frau: ja, da h\u00e4tte ich wohl recht, aber zwei der Etagen seien  reine Versorgungsgeschosse, die nicht z\u00e4hlten. Das machte Eindruck auf die Bezirksverordneten. Und niemand vom Bauamt, die das besser h\u00e4tten  wissen und korrigieren m\u00fcssen, widersprach dem. Ich k\u00fcndigte an, mich in  der Fraktion gegen die \u00c4nderung einzusetzen. Nach Schluss der Sitzung  fragte ich sie, ob sie mich mit dem Auto mitnehmen k\u00f6nne \u2013 ihr Weg f\u00fchre  dicht an meiner Wohnung vorbei. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor  dem Rathaus stand ihre Limousine, ein Rolls Royce. Der Chauffeur riss  ihr und mir den Schlag auf. Ich hatte ihn schon einmal auf einem Foto in  der Zeitung gesehen. Es war ihr Geliebter, ein junger italienischer  Maler, aber sie blieb Grande Dame und redete ihn mir \u201eSie\u201c an. Auf dem  Weg sprach sie kaum, was mich entt\u00e4uschte. Ich hatte gehofft, sie w\u00fcrde  pers\u00f6nlicher werden, eine Frage vielleicht nach dem Haus in der  Wangenheimstra\u00dfe, das wir gemeinsam mit den Judis, unseren Freunden  gekauft und restauriert hatten. Ich wollte ihr von den Bauproblemen  erz\u00e4hlen, vom Dachausbau, der anstand. Ich hoffte insgeheim, sie w\u00fcrde  auf so ein Thema vielleicht eingehen und ihren professionellen Rat  anbieten \u2013 damit h\u00e4tte ich gerne gespielt. Aber es kam nichts. Ich war  einfach zu unbedeutend in diesem Gesch\u00e4ft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zeigte sich in der Fraktion: unser Vorsitzender gab gro\u00dfz\u00fcgig die Abstimmung im Plenum frei. Wir\n konnten nicht einmal mehr gegen die Arroganz der korrupten Macht \nanst\u00e4nkern. Wir gingen mit 6 Gegenstimmen unter. Es war eine ganz gro\u00dfe \nKoalition. Damals sa\u00dfen in der CDU-Fraktion \u00fcbrigens Matthias Kleinert, \nsp\u00e4ter eine gro\u00dfe Nummer bei Daimler Benz und Jens Krause, sp\u00e4ter Chef \nder Adlershofer Aufbaugesellschaft. Aus denen ist was geworden. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser\n Vorsitzender, der uns Linken so gro\u00dfz\u00fcgig die Gewissensentscheidung \nkonzedierte, war von Beruf Beamter des Landes Berlin und arbeitete als \nGesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Verwaltungsakademie des Landes, die nach \nFertigstellung des Karrees dort einzog. Den Vertrag dazu hatte er schon \nunterschrieben, als wir noch berieten, wie viele Geschosse es denn nun \nbekommen solle. So it goes, um mit Kurt V. zu sprechen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Aber\n dar\u00fcber wollte ich jetzt gar nicht schreiben, sondern wie mich acht \nJahre sp\u00e4ter der Regier\u00adungswechsel erwischte, als am Ende der \nSkandalchronik die W\u00e4hler die SPD abstraften und Richard von Weizs\u00e4cker \nRegiermeister wurde. Ich hatte daf\u00fcr vorgesorgt, dachte ich. W\u00e4hrend des\n Interreg\u00adnums von Jochen Vogel, als Anke Brunn f\u00fcr ein paar Monate \nmeine Senatorin war, hatte ich meine Mitarbeiter versorgt. F\u00fcr die junge\n Witwe, die mir den t\u00e4glichen Pressspiegel zusammen klebte und danach \ndie Sitzungen und die Leitungsetage mit Kaffee versorgte, das Geschirr \nabwusch, aufr\u00e4umte und f\u00fcr Ordnung sorgte, hatte ich eine feste Stelle \nergattert. Uli, mein Praktikant, der gerade sein Psychologiestudium \nbeendet hatte, war schon zuvor in einen festen Job in einem Heim \neinger\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um  mich selbst hatte ich mich nicht weiter gek\u00fcmmert. Ich war hinreichend  besch\u00e4ftigt, \u00f6ffentlich die Fahne des sozialp\u00e4dagogischen Fortschritts  hoch zu halten und hielt das auch f\u00fcr unn\u00f6tig. Ich war ja unk\u00fcndbar. Das waren andere zwar auch, aber die beiden anderen Leitungsreferenten,  gelernte Verwaltungsleute, waren vorsichtshalber auf freie Posten in der  Linie retiriert und sahen von dort aus dem Regierungswechsel gelassen  zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Er\n kam zu uns \u201eAm Karlsbad\u201c in Gestalt von Hanna Renate Laurien. Ihr ging \nder Ruf voraus, sie sei eine unerbittliche Katholikin von rechtem Schrot\n und Korn. Ein derber Haudegen, mit einem Auftrag, den man zwanzig Jahre\n sp\u00e4ter \u201eein robustes Mandat\u201c nennen w\u00fcrde. Kurzum: der linke \nAugiasstall sollte ausgemistet werden und es sollten K\u00f6pfe rollen. \nDamals hie\u00df so was noch Paradigmenwechsel. Das klang weniger grausam. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieter\n Kreft, den Staatssekret\u00e4r, entlie\u00df sie sofort. Dann rief sie die vier \nAbteilungsleiter, die Leiterin der Planungsgruppe und mich, alles \ngestandene Sozis, zu sich in das Senatorinnenzimmer, um sich \nvorzu\u00adstellen und ihre ersten politischen Schwerpunkte bekannt zu geben.\n Hier, am kleinen Konferenztisch, hatte immer das K\u00fcchenkabinett getagt.\n Es sa\u00dfen auch noch zwei, drei unbekannte M\u00e4nner da, die nicht weiter \nvorgestellt wurden. Man hatte deshalb ein paar St\u00fchle herein tragen \nm\u00fcssen, damit alle Platz fanden. Dann bat Hanna \u201eGratnata\u201c um Vortrag. <\/p>\n\n\n\n<p>Es\n begann Peter Pr\u00fc\u00df, der Leiter der Abteilung Personal und Finanzen: als \ngute Demokraten habe man, um den bevorstehenden Regierungswechsel auch \nadministrativ zu erleichtern, im letzten halben Jahr eine Reihe von \nPositionen nicht besetzt. So sei er in der Lage, der Frau Senatorin \nfolgende freie Stellen zur sofortigen Besetzung anbieten zu k\u00f6nnen: zwei\n der Besoldungsstufe A16, drei A13 usw. Vermutlich hatte die \nPersonalabteilung \u00fcberhaupt nichts gemacht, sondern war im Vorfeld mit \nder Umsetzung und Absicherung bevorzugter Genossen viel zu besch\u00e4ftigt \ngewesen, als dass sie freie Stellen h\u00e4tte ausschreiben k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber  Pr\u00fc\u00df machte f\u00fcr sich das Beste draus. Seine Beflissenheit war peinlich,  aber es kam noch schlimmer. Armin Tschoepe, f\u00fcr Kinder, Frauen,  Heimerziehung, Drogen und den ganzen anderen Schmuddelkram zust\u00e4ndig,  versuchte es \u00fcber die Ideologie: er sei ja auch katholisch und sich  sicher, die katholische Soziallehre biete eine gute Basis zu  vertrauensvoller Zusammenarbeit. Rudi Horn, Abteilungsleiter Sport,  dessen Nachnamen man ruhig \u201eOchse\u201c anh\u00e4ngen konnte, um seinen geistigen  Zuschnitt zu beschreiben, hatte sich offenbar schon ein warmes Pl\u00e4tzchen  erobert, teilte nur mit, er habe der Senatorin ja schon berichtet und  grinste nur einverst\u00e4ndlich und so bl\u00f6de wie immer. Wolf Tuchel, Leiter der Abteilung f\u00fcr Jugend und Familie, verbog sich als Einziger nicht: es  sei ja offen\u00adsichtlich, dass ihre Ansichten in vielen Punkten  unterschiedlich seien. Aber dies gelte es eben aus\u00adzuloten. Im \u00dcbrigen  sei er Beamter des Landes Berlin und nicht einer Partei und also k\u00f6nne  die Senatorin mit seiner Loyalit\u00e4t rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von mir wollte die Senatorin nichts h\u00f6ren. Mein Auftritt kam anderen Tages.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n hatte eine Pressemitteilung zum aktuellen Bedarf an Krippenpl\u00e4tzen \nverfasst, oder wie es \u201eamtlich\u201c hie\u00df, zum \u201eBetreuungsbedarf f\u00fcr Kinder \nunter drei Jahren in Tages-Einrichtungen des Landes Berlin\u201c oder so \n\u00e4hnlich. Der wurde j\u00e4hrlich entsprechend der Geburtenstatistik neu \nberechnet. Die Politik der Ausweitung der Krippenerziehung war ein \nHassobjekt der CDU und auch innerhalb der SPD-Rechten nicht \nunumstritten. Kleine Kinder geh\u00f6rten zur Mutter und nicht in \nAufbewahrungsanstalten, argumen\u00adtierten sie. Dabei hatten wir gro\u00dfen \nWert darauf gelegt, zugleich mit dem quantitativen Ausbau auch die \nQualit\u00e4t zu steigern: die Gruppen zu verkleinern, Bildungsinhalte und \np\u00e4dagogische Methoden zu erwei\u00adtern, die Eltern verst\u00e4rkt einzubeziehen \nund die Erzieherinnen fort zu bilden. Teil meiner Aufgabe war die \nHerausgabe entsprechender Materialien und die Redaktion der \nFachzeitschrift, die viertelj\u00e4hrlich erschien. Und obwohl die \nLokaljournalisten \u00fcberwiegend wohlwollend berichteten, gifteten die \n\u201epoli\u00adtischen\u201c Kollegen der gleichen Bl\u00e4tter. Das wirkte sich bis in die\n kleinb\u00fcrgerliche Basis der Partei aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\n Geburtenzahlen stiegen damals in Westberlin und so schrieb ich denn in \ndie Meldung an den Lan\u00addespressedienst, wir br\u00e4uchten mehr \nKrippenpl\u00e4tze, zeichnete sie aus \u201ean Landespressedienst, LPD &#8211; \u00fcber \nSen.\u201c, legte sie in die \u201eLaufmappe\u201c und diese in den Eingangskorb der \nSenatorin. Keine Stunde sp\u00e4ter lie\u00df sie mich rufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hanna  Renate thronte hinter ihrem Schreibtisch, bot mir keinen Stuhl an und  hielt es auch nicht f\u00fcr n\u00f6tig, mich anzusehen. Vielmehr starrte sie auf  meine Pressemeldung, stippte mit dem Finger darauf und fragte mit  spitzer Stimme: <em>\u201eHerr Straub, was ist das?&#8220;<\/em> Ich fand diese Frage  eigentlich etwas albern, denn was das war, stand ja dar\u00fcber: \u201eMitteilung  an den Landespressedienst\u201c. Aber ich ahnte nat\u00fcrlich, um was es  wirklich ging. <em>\u201eEs ist eigentlich eine Routinemeldung\u201c<\/em>, sagte ich, <em>\u201edie  wir jedes Jahr machen, wenn die Statistik vorliegt. Normalerweise gebe  ich so etwas direkt an den Landespressedienst, aber da ich annehme, sie  h\u00e4tten dazu eine andere politische Meinung, habe ich sie diesmal zur  Schluss\u00adzeichnung \u00fcber Sie geleitet.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eJa  das stimmt\u201c<\/em>, sagte sie und sah mich an, <em>\u201eda bin ich ganz anderer  Meinung. Mein Pressereferent hei\u00dft Egon Meyer. Guten Tag.\u201c<\/em> Damit war ich  von meinen Aufgaben entbunden. Ich sagte ebenfalls <em>\u201eguten Tag\u201c<\/em>, drehte  mich um und ging. <\/p>\n\n\n\n<p>Ging Egon Meyer suchen, einen jungen Mann, der etwas blass und verunsichert  wirkte. Er kam vom \u201eRheinischen Merkur\u201c und so sah er auch aus:  \u00fcberkorrekt vom Scheitel bis zur Sohle \u2013 kein Wunder, dass er mir  gegen\u00fcber befangen sein musste und gehemmt war. Ich versuchte, ihm im Schnelldurch\u00adgang die f\u00f6rmlichen Strukturen und Regularien im Verkehr zwischen den Verwaltungen und mit der Senatskanzlei zu erl\u00e4utern, die  sich ja nicht \u00e4ndern w\u00fcrden, aber er h\u00f6rte nur halb zu. Mein B\u00fcro  irritierte ihn wohl, in dem neben einem Metallrelief mit August Bebels  Halbprofil auch ein kleines gewebtes Portrait von Mao hing, das ich als Andenken aus China mitgebracht und an die Pinntafel geheftet hatte. Und  da hing, neben dem Gruppenfoto vor Maos Geburtshaus, damals bestimmt  noch manch anderer revolution\u00e4rer Schnickschnack\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n sagte ihm, ich w\u00fcrde alles Private ausr\u00e4umen und das B\u00fcro in wenigen \nTagen besenrein \u00fcberge\u00adben. Egon Meyer sprach die ganze Zeit so gut wie \nnichts, er schien nur etwas \u00fcberrascht und erleich\u00adtert, dass er diese \nBegegnung unbeschadet \u00fcberstanden hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Um  mich k\u00fcmmerte sich niemand; ich erinnere mich nicht einmal daran, einen  schriftlichen Bescheid \u00fcber die Entbindung von meinem Amt bekommen zu  haben. Ich r\u00e4umte also auf und wusste nicht so recht, wohin. Bei Ingrid Mielenz in der Planungsgruppe war ein Schreibtisch frei, an dem ein  Praktikant gearbeitet hatte. Den okkupierte ich, rief die  Telefonzentrale an, dass sich meine Nummer ge\u00e4ndert h\u00e4tte und wartete  ab. Nichts geschah. Niemand brauchte mich. Ich ging durch das Haus am  Karlsbad und fragte, ob irgendwer Texte h\u00e4tte, die zu redigieren seien.  Aber das ersch\u00f6pfte sich bald.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich  fuhr morgens ins B\u00fcro, fragte, ob es Arbeit f\u00fcr mich gebe, las Zeitung  und ging oft vor dem Mittag\u00adessen in der Kantine nach Hause. Es wurde  einfach zu peinlich: auch die engeren Genossen begannen mich zu meiden.  Zuerst erz\u00e4hlten sie mir noch, was die neue Herrschaft alles so  verf\u00fcgte, welche Kollegen und Kolleginnen sich ihr angedient hatten \u2013  dann h\u00f6rte das auf und sie wichen auf triviale Alltagsfragen aus.  Vielleicht f\u00fcrchteten sie die Gegenfrage: <em>\u201eund Du? Was machst Du?\u201c<\/em> Es  dauerte nicht lange und niemand hatte noch ein Interesse an Gespr\u00e4chen  mit mir. Ich war zu nichts mehr n\u00fctze, h\u00f6chstens als lebender Vorwurf  aus \u201erevolution\u00e4rer\u201c Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach  drei, vier Wochen ging ich gar nicht mehr erst ins B\u00fcro. Ich rief in  der Personalverwaltung an und teilte mit, ich st\u00fcnde bereit. Man solle  mich anrufen, wenn Arbeit f\u00fcr mich da w\u00e4re. Niemand rief an. Es h\u00e4tte  wie Urlaub sein k\u00f6nnen, w\u00e4re nicht zuvor die Liebesnacht mit Christiane  gewesen, derentwegen mich Margret aufgefordert hatte, das Haus zu  verlassen. Damals war ich ohne feste Anschrift, schl\u00fcpfte bei Freunden  unter. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir  hatten so etwas wie ein Abkommen geschlossen: Margrets sexuelles Verlangen hatte sich in den Jahren der Ehe reduziert. In unser Schlafzimmer war Nicola eingezogen. Ich hatte mein Bett in eines der  Wohnzimmer verlegt. Margret kam, wenn sie Lust hatte oder ich musste sie  bitten zu kommen. Und bitten konnte ich noch nie gut. Vielleicht lag es  also an mir. Wir sprachen auch nicht \u00fcber erotische Bed\u00fcrfnisse.  Dagegen nahm ich die Gelegenheiten, die sich bei den Jungsozialistinnen  boten, dankbar an. Aber auch diese Eskapaden waren zwischen mir und  meiner Frau kein Thema. Es waren \u00fcbrigens wenige, oder ich war  w\u00e4hlerisch. Helga, meiner Geliebten f\u00fcr drei Jahre, war ich fast treu,  wenn man das so sagen kann. Bis sie von Berlin wegzog und einen Manager  von Unilever heiratete. Da war dann noch Josie, aber Josie war nicht so  mein Fall. Ihre geistigen Interessen waren nicht sehr ausgepr\u00e4gt und  ihre Haschisch-Pl\u00e4tzchen bereiteten mir Magenkr\u00e4mpfe und \u00dcbelkeit und  vielleicht war ich ihr auch nicht kr\u00e4ftig und potent genug. Und ich  hatte auch keinen gro\u00dfen Drang, mit ihr noch einmal zu v\u00f6geln.  Gottfried, ihr Mann, war in Mexico mit dem Flugzeug abgest\u00fcrzt und sie  schien mir auf der Suche nach einem Nachfolger. <\/p>\n\n\n\n<p>Christiane\n ging nach dem Studium zu einer Zeitung in Westdeutschland. Wir mochten \nuns schon l\u00e4nger, hatten wohl auch aneinander herumgemacht, nach den \nSitzungen, auf dem Heimweg. Aber an diesem Abend sagte sie, sie ziehe \nnun weg. Da gingen wir zu ihr nach Kreuzberg und ich blieb die ganze \nNacht, in der wir zu den Sternen flogen. Als ich zum Fr\u00fchst\u00fcck nach \nHause kam, war heller Morgen. <\/p>\n\n\n\n<p>Damit\n hatte ich das Abkommen gebrochen, nachts zur\u00fcck zu kehren, wann auch \nimmer. Meine Ent\u00adschuldigung, es sei Christianes letzte Nacht in Berlin \ngewesen, sie ziehe fort, lie\u00df Margret nicht gelten. \u201eIch denke, es ist \nZeit, dass Du gehst\u201c, sagte sie. Und ich sagte: \u201eo.k., wenn Du meinst\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und ging mir eine Wohnung suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Regierungswechsel,\n Wohnungswechsel, Partnerwechsel. Aber bevor Sarah richtig in mein Leben\n trat, ging ich erst einmal Segeln. Kap Hoorn rief.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir hatten 1981 die Wahl verloren. Das war vorher schon abzusehen gewesen. 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