{"id":13,"date":"2013-02-13T20:28:53","date_gmt":"2013-02-13T19:28:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.achteraus.de\/?p=13"},"modified":"2019-11-01T20:38:35","modified_gmt":"2019-11-01T19:38:35","slug":"antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.achteraus.de\/index.php\/2013\/02\/13\/antisemitismus\/","title":{"rendered":"Antisemitismus"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine  Schwester ist zwei Jahre \u00e4lter als ich. Als sie in die Schule kam und  lesen lernte, machte ich es ihr zuhause nach. Ich las also schon sehr  fr\u00fch selbst. Zumindest die Kinderbilderb\u00fccher. Was ich daraus lernte, ist  dialektisch verzwickt. In der deutschen Nazi-\u00d6ffentlichkeit galt als  selbstverst\u00e4ndlich: Die Juden waren an allem schuld. Aber es gab sie gar nicht wirklich, au\u00dfer im Bilderbuch. Ich hatte in Seewal\u00adchen ein  antisemitisches Bilderbuch oder zumindest war in einem meiner  Bilderb\u00fccher eine antisemiti\u00adsche Geschichte, an die ich mich erinnere.  Und ich erinnere mich an die Wirkung, die sie auf mich hatte, denn sie  war ganz anders, als die Autoren es beabsichtigt hatten. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der Jude darin  war von imponieren\u00adder H\u00e4sslichkeit gezeichnet, mit allen Attributen,  die \u201eden Juden\u201c ausmachten: eine gigantische Haken\u00adnase, schwarze  Peikes, ein seltsames Gewand und orientalische Schlappen an den F\u00fc\u00dfen.  Der Jude sa\u00df an einem \u00fcbervollen Teller und a\u00df ganz offensichtlich einen  Schweinebraten mit Kn\u00f6deln. Dann trat jemand, vermutlich ein Arier, an  seinen Tisch und machte ihm Vorhaltungen: als Jude d\u00fcrfe er doch gar  kein Schweinefleisch essen \u2013 \u00fcbrigens etwas, das zu dieser Kriegs-Zeit  sehr sehr selten auf unserem Tisch zu finden war. <\/p>\n\n\n\n<p>Und  nu?, was macht der ertappte Jude, der hier gegen seine eigenen Gesetze  s\u00fcndigt? Verschlagen, wie der Jude an sich ist, begeht er gleich seinen  zweiten Frevel: es steht auf, schl\u00e4gt \u00fcber seinem Bra\u00adten das Kreuz und  sagt: <em>\u201eIch taufe dich &#8218;Gans&#8217;\u201c<\/em>, setzt sich hin und isst in aller Ruhe  weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n konnte mich mit dem Juden nicht wirklich solidarisieren, dazu war er zu\n absto\u00dfend gezeichnet, aber wie er mit einer einfachen Bezeichnung sein \nDilemma l\u00f6ste, erschien mir, dem&nbsp;Vierj\u00e4hrigen, ein\u00adfach bewundernswert \ngenial. Man musste den Dingen also einfach einen anderen Namen geben und\n schon ver\u00e4nderte sich alles. Vermutlich entsprachen Taufakt und \nUmdeutung genau den Bed\u00fcrfnissen des Kindes, Verbotenes, moralisch \nFragw\u00fcrdiges \u2013 vom heimlichen Zuckerschlecken bis zum Wunsch, der Teufel\n m\u00f6ge die b\u00f6se Hinterholzerin, diese alte Bisgurn holen \u2013 aus dem \nZusammenhang von Verbot und Strafe zu l\u00f6sen und einfach m\u00f6glich zu \nmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\n Geschichte muss jedenfalls tiefere Schichten meiner Psyche angesprochen\n haben, weil ich sie nie verga\u00df und erinnere, ohne dass ich je dar\u00fcber \nin der Familie sprach und sie damit st\u00e4ndig rekapitulierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\n Juden an sich blieben aber auch nach dem Ende des NS-Regimes an allem \nschuld. F\u00fcr meinen Va\u00adter jedenfalls. Dabei gab es sie immer noch nicht \nwirklich, nicht jedenfalls in Urach. Auch sp\u00e4ter in Reut\u00adlingen nicht, \nder schw\u00e4bischen \u201eStadt der Million\u00e4re\u201c der Wirtschaftswunderzeit, wo \nman sie doch h\u00e4tte vermuten k\u00f6nnen, weil doch alle Juden raffgierig und \nreich waren. Aber nein, falls es sie irgendwo gab, schienen sie sich \nirgendwo zu verstecken und wirkten \u00fcber Verb\u00fcndete, die sie nach Ansicht\n der \u00fcber\u00adlebenden Nazis \u00fcberall hatten. Vor allem unter den Demokraten,\n diesem Gesindel, das Deutschland verkaufte. Mit denen zusammen wollten \nsie auch die Kultur zerst\u00f6ren, sozusagen das letzte Band, das unser Volk\n noch zusammenhielt. Daf\u00fcr hatten sie beispielsweise den Jazz erfunden, \n\u201ediese j\u00fcdisch-bol\u00adschewistische Niggermusik&#8220;\u201c die mich anfing zu \nfaszinieren, als ich etwa 14 Jahre alt war und ihr beim Reitkurs im \nHaupt- und Landesgest\u00fct Marbach begegnete, zu dem einige gr\u00f6\u00dfere Jungen \neine sensati\u00adonell moderne Neuigkeit mitgebracht hatten: Kofferradios. \nIch h\u00f6rte zum ersten Mal mir bis dahin zu\u00adhause verbotene Sendungen und \nSender, vor allem AFN. Damit war ich f\u00fcr die v\u00f6lkische Sache endg\u00fcl\u00adtig \nverloren. Das war nicht wieder gut zu machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ungef\u00e4hr\n zu dieser Zeit begann ich auch Kafka zu lesen. Daran war aber nicht der\n AFN schuld, sondern Heide Gaiser, die gro\u00dfe Liebe meines Lebens. Kafka \ngab es nicht bei uns im B\u00fccherschrank. Der war frei von \u201ej\u00fcdischer \nDekadenz\u201c, also arm an Kultur. Und gleich danach begann mich Sigmund \nFreud zu interessieren, parallel zu den franz\u00f6sischen Existenzialisten, \ndie f\u00fcr mich in erster Linie aus Camus be\u00adstanden. Es kann sein, dass \nich Sartre damals gar nicht gelesen habe. Aber ich rauchte die gleichen \nZigaretten wie er. Das musste reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\n war schon von ironischer Qualit\u00e4t, dass ich ausgerechnet \u00fcber die \nReiterei auf den Jazz und \u00fcber\u00adhaupt zu neuen Erkenntnissen gekommen \nbin. Denn die Reiterei war zu dieser Zeit noch eine absolut reaktion\u00e4re \nVeranstaltung, in deren Organisationen sich die letzten Reste \nv\u00f6lkisch-elit\u00e4rer Kavalleristen eingenistet hatten. Aber in Marbach \nbegegnete ich eben den Kindern von Neureichen, die l\u00e4ngst in ein\u00adem \nanderen Jahrhundert angekommen waren. Aber sie waren Reiter. Wir teilten\n die Stube, wir pflegten zusammen die Pferde, lernten gemeinsam beim \ntheoretischen Unterricht und balgten uns mit den M\u00e4d\u00adchen \nunerlaubterweise nachts auf dem Heuboden. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein\n paar Jahre sp\u00e4ter kam ich aus den Sommerferien zur\u00fcck und trug einen \nExistenzialistenbart. Ich machte in Reutlingen das Pferd fertig, mit dem\n ich das Bronzene Reitabzeichen machen wollte \u2013 das ging damals in Urach\n nicht; unsere Pferde waren nicht hinreichend daf\u00fcr ausgebildet \u2013 f\u00fchrte\n es in die Halle, sattelte nach und stieg auf, als pl\u00f6tzlich der \nReitlehrer in die Halle st\u00fcrmte und drohte, mich mit der Peitsche aus \ndem Sattel zu schlagen, wenn ich nicht unverz\u00fcglich abstiege. Ich musste\n das Pferd in den Stall zur\u00fcck bringen. Die Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Grund \ndaf\u00fcr bekam ich dort zu h\u00f6ren: ich tr\u00fcge einen \u201eunreiterlichen Bart\u201c. \nSchnauzer, Menjou oder Henry Quatre seien m\u00f6glich, aber diese \nExistenzialisten\u00adkrause sei mit dem Reiterlichen nicht vereinbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich\n h\u00e4tte gerne das Kreuz \u00fcber ihm geschlagen und ihn in Henry Quatre \numbenannt, allein, diese Idee kam mir nicht und sie h\u00e4tte auch nicht \nviel geholfen. Denn dieser Reitlehrer galt als Nazi, er trank schon \ntags\u00fcber und man sagte ihm zweierlei nach: er k\u00f6nne sehr unbeherrscht \nsein, zugleich aber auch, dass er selbst volltrunken noch ein \nunglaubliches Gesp\u00fcr f\u00fcr die Pferde unter seinem Sattel h\u00e4tte. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch\n zur\u00fcck zu den Juden. In den Semesterferien 1961 fuhr ich mit meinem \nersten Auto in Ferien. Es war ein Lloyd 300, den ich f\u00fcr 300 DM gekauft \nund mit Ersatzteilen vom Schrottplatz beladen hatte. Ich fuhr \u00fcber den \nGotthardt nach Italien. In der Jugendherberge in Como wollte ich auf \nKarin warten, die von Rom heraufgetrampt kommen wollte. Dort traf ich \nauf ausl\u00e4ndische Jugendliche, mit denen ich ins Gespr\u00e4ch kam und von \ndenen einer bald ein besonderes Interesse an mir zeigte. Dass ich \nDeutscher war und Adolf hie\u00df schien ihn besonders zu interessieren. Er \nselbst war blond und blau\u00e4ugig und sagte mir, er hie\u00dfe Siegfried Adler \nund k\u00e4me aus Tel Aviv. Er war der erste Jude, den ich in meinem Leben \nkennen lernte und so v\u00f6llig anders als erwartet, dass es mir die Sprache\n verschlug. Dazu trug auch bei, wie er mir begegnete: mit einer Art fast\n z\u00e4rtlicher Zugewandtheit, die ein Mann noch nie mir gegen\u00fcber gezeigt \nhatte. Ich erschrak dar\u00fcber. Das passte alles nicht zusammen. Wie konnte\n ein Jude solch ein Interesse an einem Nazikind haben, wie ein Mann an \neinem anderen Mann? War Siegfried schwul? Dann w\u00e4re der erste Jude in \nmeinem Leben auch der erste Schwule gewesen, dem ich (halb) bewusst \nbegegnet bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses\n Zusammentreffen h\u00e4tte mich m\u00f6glicherweise \u00fcberfordert, denn vor allem \nauf den Umgang mit einem schwulen Mann war ich absolut unvorbereitet. \nDaf\u00fcr fehlte mir jedes Verhaltensrepertoire. Karin erl\u00f6ste mich mit \nihrer Ankunft aus dem Dilemma.<\/p>\n\n\n\n<p>Meinem\n Vater konnte nicht verborgen geblieben sein, dass ich in den \n80er-Jahren mit Sarah zusammen war. Ich hatte ihn nicht eigens darauf \nhingewiesen, aber alle in der Familie wussten davon, auch seine Frau, \nmeine Tante Gretel. Unser Verh\u00e4ltnis hatte sich mit den Jahren \nentspannt, auch weil ich aufgeh\u00f6rt hatte, mit ihm \u00fcber Nazizeit und \nKrieg zu sprechen. Das hatte ohnehin wenig Sinn, denn er reagierte \ndarauf wie ein Kleinkind; Argumenten war er nicht zug\u00e4nglich. Er selbst \nkam auch nicht auf meine Liai\u00adson mit einer \u201eHalbj\u00fcdin\u201c zu sprechen, \nwenn ich ihn in Bludenz besuchte, obwohl sein Antisemitismus ihn h\u00e4tte \ngeradezu dazu zwingen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen\n berichtete er mir einmal, nach einer Kreuzfahrt durch das Mittelmeer, \nvon dem Landgang in Israel. Er war voll des Lobes, wie die Bewohner dort\n die W\u00fcste fruchtbar gemacht und, im Gegensatz zu den \u201edreckigen \nArabern\u201c, immerhin einst B\u00fcndnisgenossen der Nazis, ein bl\u00fchendes \nGemeinwesen auf\u00adgebaut h\u00e4tten. Ich war verbl\u00fcfft: \u201eaber Vati, das sind \ndoch Juden! Und Du hast immer gesagt, Juden seien kulturunf\u00e4hig!\u201c \u201eDas \nhat damit nichts zu tun\u201c, sagte er, \u201edas bezog sich nur auf die \nOstjuden\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Schwester ist zwei Jahre \u00e4lter als ich. Als sie in die Schule kam und lesen lernte, machte ich es ihr zuhause nach. 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