Agnoli

Johannes Agnoli ist tot. Rudi Schmidt schickte einen Nachruf von Wolf-Dieter Narr aus der heutigen FR herum, sonst hätte ich wieder einmal nichts mitbekommen. Narr schreibt über Agnolis „deutsche“ Sozialisation in Urach und die Verbindung zum Schwäbischen, die widerspruchsfrei natürlich nicht war, auch wenn sie in Narrs Nachruf die Stelle des Heimeligen zu vertreten hat. In Urach hieß er Agnóli, deutsch betont und er war ein Außenseiter, der “Italiener“, Jahre bevor die regulären italienischen „Gastarbeiter“ kamen und er blieb etwas Besonderes, einer, aus dem man nicht so recht schlau wurde. Ich lief ihm damals wohl öfter über den Weg denn er wohnte auch in der Münsingerstrasse, zwischen Hagen und mir, drei Häuser weiter bei zwei ältlichen Schwestern, deren Namen ich vergessen habe und die sicherlich nur meinen Kinderaugen ältlich erschienen, wie manch andere kaum Vierzigjährige auch, deren Männer vor Stalingrad verreckt waren.

Hannes arbeitete auf dem Holzplatz, das war schwere körperliche Arbeit und eigentlich passte das gar nicht zu dem schmächtigen Kerl.

Mein kleiner Bruder, der nahe Holzplatz zog die Kinder der Nachbarschaft magisch an, schloss mit ihm dort Freundschaft. Mein Revier war damals schon größer, mich interessierten eher die Mitgliedschaft in der Ritter-Bande auf dem Gelände der Ritterschen Sägmühle am Ortsausgang und die Waldabenteuer mit Günter Münzing. Und dann die Pferde und die Reiterei. (Gar nicht solange danach kamen Heide G. dazu, der Expressionismus, Franz Kafka und der Mythos von Sysiphos.) So ist meine Erinnerung an Agnoli zu dieser Zeit denn auch weniger physisch als eher literarisch, denn es umgab ihn so etwas wie ein kleines Geheimnis seiner Herkunft. Es hieß, er sei, damals fast noch ein Kind, alleine mit den kämpfenden deutschen Truppen über die Alpen gekommen. Es war eine Art „Werwolflegende“, die mit seinem Alter überhaupt nicht übereinstimmte. Aber die falangistische Mär machte sich zumindest gut. Eigentlich hätte das ein fantastischer „credit“ in unseren Familienkreisen sein müssen, aber ich hatte schon früh eine instinktive Abneigung gegen – ja wogegen eigentlich? Gegen Nazitum? Ich weiß nicht, davon hatte ich doch damals keinen Begriff. Es waren die Erscheinungen, Umgangsformen, Sprech- und Verhaltensweisen der Menschen, die dem „Führer“ gefolgt waren und ihm immer noch mehr oder eher weniger heimlich folgten, die ich nicht mochte. Und da bezog ich ja auch meinen Mitschüler Hagen mit ein, der in der Münsingerstrasse neben dem „Konsum“ wohnte und von dem es hieß, seinen Vater hätten sie aufgehängt, als das KZ befreit wurde, das er mit bewacht hatte. Um ehrlich zu sein, Johannes Agnoli war mir, vielleicht auch seiner Legende wegen, vor allem da er schon erwachsen und ich ein kaum halbwüchsiger, arroganter Bengel war, ziemlich egal – was ich erst ein paar Jahre später zu bedauern begann. Damals kannte ich ihn nur „vom Wegsehen“ und ich lernte ihn auch später leider nie kennen. Irgendwann war er nicht mehr da, das heißt: eigentlich zogen wir fort, ins Eigenheim im Hirschseeweg und da ich ihn nicht mehr sah, vergaß ich ihn einfach.

Bis Otto Strasser kam und im Saal des Bahnhotels in Urach die Deutsch-Soziale Union gegründet wurde. Da war ich noch keine sechzehn, mein Vater gehörte zu den Gründungsmitgliedern und Gewerkschaften und SPD hatten aus Mannheim und Zuffenhausen in Sonderzügen Arbeiter zur Kampfdemonstration nach Urach geschafft. Der Redner auf der Kundgebung geißelte die Nazimachenschaften der rechten „Herren“ dieser neuen Partei der „ewig Gestrigen“. Und nannte die Namen und ihre Verbindungen zur Industrie. Er nannte auch den des Herrn Ritter von Straub und mein armer Vater musste als Beweis für die alte Verbindung von Junkertum und Großindustrie herhalten. Dabei kam der aus dem besitz- und mittellosen österreichischen Beamten- und Militäradel und die Großindustrie war nur insofern gross, als sie „Gebrüder Gross“ hieß und Großvaters Spinnerei und Weberei war, ein typisches schwäbisches Familienunternehmen, das etwa 400 Leuten aus der Stadt Urach und den umliegenden Albgemeinden Lohn und Brot gab.

Und ich stand in der Menge dieser fremden Menschen und hatte Angst, man könne mich als Sohn dieses politischen Hasardeurs erkennen und stellvertretend entsprechend behandeln. Nach der Kundgebung unter den Kastanien im Turnhallegarten beherrschten sie die Strassen und Gasthäuser der Stadt, auch die mit üblem Leumund, in die man als moralischer Mensch nicht ging. Sie waren großspurig, laut und ordinär und rochen nach Bier und Schnaps, ein fremder Stamm, der von unserem verschnarchten Städtchen Besitz ergriffen hatte. Diese Leute waren mir suspekt, aber ich musste einfach herumlaufen und sie mir ansehen, auch wenn ich weiter Angst hatte, entdeckt zu werden. Denn an ihnen war zugleich etwas, das unserer verklemmten kleinen Welt fremd war: eine präsente Körperlichkeit. „Das Fleisch bricht auf in den Vorstädten…“ Ohne sie, das gehört zur Ironie der Geschichte, hätte ich mir später nicht vorstellen können, was Brecht damit sagen wollte.

Ich ging übrigens nicht in die Nähe des Bahnhotels. Mit diesen Leuten wollte ich nun gar nichts zu tun haben. Otto Strasser, dem ich tags zuvor als ältester Sohn des Hauses präsentiert worden war und den Handschlag nicht verweigern konnte, war ein alter Mann und trotz seines Rufs als Kämpfernatur umgab ihn eher die Aura eines Verlierers. Er gefiel mir nicht. Er schien mir auch nur einer von diesen Maulhelden, die nichts konnten, als über Ehre, Treue, Gemeinschaft, Volk und deutsche Mütter faseln und all das, was mich damals zu interessieren und meinen Geist zu befreien begonnen hatte, für einen Teil der „jüdisch-bolschewistischen Weltrevolution“ erklärten, die uns zu unterjochen suchte.

Am übernächsten Tag stand im „Ermstalboten“ eine lange Reportage vom Gründungsparteitag der DSU, zu dem die Presse im Übrigen nicht zugelassen worden war. Der Bericht kam, soweit ich mich erinnere, ohne große Ideologiekritik aus, sondern charakterisierte die Peinlichkeit dieser Partei anhand ihres Erscheinungsbildes. Die Gründer waren beispielsweise alle in gleichfarbigen Hemden erschienen. Der Reporter hatte Strasser gefragt, ob das denn nicht gegen das damals geltende „Uniformverbot“ verstieße, seine dümmliche Ausrede wörtlich zitiert und ihn damit lächerlich gemacht. Es war Agnoli, der sich dort eingeschlichen hatte. Er sei einfach da hingegangen, erzählte er mir Jahre später, habe gesagt, er sei der Doktor Agnoli von der Universität und wolle da rein. Die seien so stolz darauf gewesen, einen richtigen Doktor unter sich zu haben, dass sie ihn ohne weitere Fragen als Teilnehmer zugelassen hätten.

Das war schon in Berlin. Denn als ich in Tübingen zu studieren begann, war er dort wohl schon weg. Als ich an die FU kam, war Agnoli schon da. Ich fand ihn im Vorlesungsverzeichnis und teilte das brühwarm meiner Mutter mit. Sie sagte: „So? Assischdend isch der? Na verdiend’r ja gnuag, dassr denne Frailain dia 300 Mark zrickzahle ka, dia er sich bei denne vor a paar Johr ausglia hat. Sag em dees.“ Die prompte Antwort aus Urach war nicht nur typisch für die soziale Ordnung und das kollektive Gedächtnis der Provinz, sondern auch ein Befehl, den ich zu befolgen hatte. Es war der Befehl einer Provinz, der ich entflohen war und immer noch weiter entfloh und er lud mir alten Ballast auf, den ich abgeschüttelt hatte und doch noch weiter abschütteln musste. Eine doppelt widersinnige und lächerliche Geschichte, aus der es keinen geordneten Ausweg gab.

Ich ging also zu Agnoli und sagte ihm, er solle doch bitte die Schulden bei seinen alten Wirtinnen begleichen. Mittlerweile waren sie wirklich schon alt.

Es war mir ziemlich unangenehm. Und Agnoli reagierte auch ersichtlich befremdet. Die Situation war mir so saumäßig peinlich, dass ich jahrelang gar nicht erst seine Nähe suchte, obwohl ich doch Politikwissenschaft studierte und mich links fühlte. Ich ging auch nicht in den Republikanischen Club, obgleich das nahegelegen hätte und alle dort hingingen – mein Revier war halt wieder woanders.

Mitte der Siebziger kandidierte ich am Kudamm für das Abgeordnetenhaus. Johannes Agnoli wohnte in der Sybelstrasse. Beim Canvassing klingelte ich bei ihm und wollte ihn davon überzeugen, mich zu wählen, den Ex-JuSo mit der „Doppelstrategie“. Er machte sich etwas lustig über meine Vorstellung, damit gesellschaftlich etwas verändern zu können. Ich hatte seine „Transformation der Demokratie“ wohl nie gelesen (im Bücherschrank jedenfalls fehlt sie) und vermutlich merkte er das meinen Antworten an. Jedenfalls hatte er weder Zeit noch Lust, sich länger mit mir über die Möglichkeiten parlamentarischer Strategien und revisionistische Illusionen zu unterhalten. In mir keimte der Argwohn, er könne mich insgeheim, spöttisch und scharfzüngig im Denken wie er war, mit meinem Vater vergleichen, der ja auch ein Illusionist gewesen war, wenngleich von rechts und dabei so unsagbar emotionsgesteuert und vernagelt, dass schon die Vermutung eines Vergleichs mich hilflos zornig machte.

Agnoli vertröstete mich auf einen späteren Termin, der aber nie zustande kam. Ich versuchte es nur noch einmal, aber er zeigte keine besondere Neugier auf mich und ich hatte den stillen Verdacht, dass uns nicht nur politische Grundsätze sondern genau das trennte, was andere sonst zusammenbringt: die biografischen Berührungen in der Provinz. Denn auch Agnoli hatte sie bewusst und nachhaltig verlassen. Selbst wenn er, wie Narr schreibt, im Schwäbischen „deutsch sozialisiert“ worden sein sollte und mit dem Schwäbischen kokettiert habe, war es ihm wohl eher eine leidige Erinnerung.

Genau darüber hätte ich vielleicht mit ihm reden sollen, darüber wie wir und woraus wir und warum wir das geworden sind, was wir waren, geistige und regionale Heimatprovinzen verlassend.

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